Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 2/02

Andrea Griesebner, Christina Lutter

Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 2/02

Die Macht der Kategorien. Perspektiven historischer Geschlechterforschung

22,80*

  • kein Nachdruck
  • ISBN 978-3-7065-1706-5
  • 160 Seiten,

Nicht vorrätig

  • * Preis inkl. Mehrwertsteuer.

Einzelheft StudentInnen (Bestellung mit Beilegung einer Inskriptionsbestätigung): Euro 14,40


Beiträge
Michaela Hohkamp: Im Gestrüpp der Kategorien: zum Gebrauch von „Geschlecht“ in der Frühen Neuzeit
Falk Bretschneider: Hexen, gelehrter Diskurs und Disziplinierung. Magie und Frühaufklärung im sächsischen Erzgebirge (1712-1720)
Susanne Hehenberger: „Die Löbl Isaackische Liebesgöttin und ihr hebräischer Ritter“. Ethnisch-religiöse Zugehörigkeit, Geschlecht und Nichtsesshaftigkeit am Beispiel eines Sodomieprozesses aus dem späten 18. Jahrhundert
Dietlind Hüchtker: „Erfahrung“ als politische Kategorie. Geschlecht und Nationalität in der Publizistik der Zionistin Rosa Pomeranz aus Galizien
Gert Dressel/Nikola Langreiter: Aus der Wehrmacht an die Uni – aus der Uni in die Ehe. Restaurierte Geschlechterbeziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg
Maria Mesner: Überlegungen zu Geschlecht und Reproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Finnland, Österreich, Portugal und die USA


Nachruf
Michael Weinzierl


Forum
Claudia Ulbrich im Gespräch mit Christina Lutter: Dezentrierung der Kategorie Geschlecht?
Birgit Wagner: Weltklasse. Eine Internet-Erzählung


Neu gelesen
Karin Harrasser: Re-reading the Cyborg. Donna Haraway’s Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature


Editorial:


Mehrfach relational: Geschlecht als soziale und analytische Kategorie


Das Bild, das wir von vergangenen wie von gegenwärtigen Gesellschaften zeichnen, hängt bekanntermaßen von vielen Faktoren ab. Es wird nicht zuletzt von den verwendeten analytischen Werkzeugen mitbestimmt. Welche Kategorien der Wahrnehmung zu zentralen Analysekategorien erhoben werden, ist meist nicht nur eine erkenntnistheoretische, sondern oft auch eine wissenschaftspolitische Entscheidung. Viele der heute dominanten historischen Forschungsfelder konstituierten sich in Reaktion auf die Ignoranz oder Vernachlässigung von als relevant erachteten Kategorien. Welchen Kategorien jeweils Relevanz zugesprochen wird, ist jedoch untrennbar mit Fragen verknüpft, die in der jeweiligen Gegenwart verhandelt werden. So banal es klingen mag: Auch WissenschaftlerInnen existieren nicht im ‚luftleeren‘ Raum, ihre Fragestellungen, ihr Erkenntnisinteresse und ihr Wissen sind immer schon situiert. Die vormals ignorierten oder vernachlässigten Kategorien wurden nun oft ihrerseits als zentral gesetzt. Damit konnte zwar ihre Bedeutung sichtbar gemacht werden, zugleich aber blieben ihre Wechselwirkungen mit und Relationen zu anderen Kategorien ausgeblendet. Ohne die Leistungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte der letzten Jahrzehnte abwerten zu wollen, denken wir, dass dies auch für die Frauen- und Geschlechtergeschichte zutrifft: Geschlecht wird zwar meist als relationale Kategorie gefasst, die Relation aber vorwiegend zum jeweils anderen Geschlecht hergestellt. So wird die Mann/Frau-Opposition nicht analysiert und historisiert, sondern erzeugt und bestätigt. Fragt man dagegen danach, in welchen Kontexten welche Kategorien relevant waren und wie sich Geschlecht jeweils zu anderen Identitäts- und Differenzkategorien verhält, gilt das Interesse also den konkreten Handlungsräumen und Erfahrungswelten von Frauen und Männern, so wird sehr schnell sichtbar, dass binäre Geschlechterkonzeptionen an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen können.
Die Konzeptualisierung von Geschlecht als mehrfach relationaler Kategorie stellt für die Geschichtswissenschaften eine Herausforderung dar: Sie ermöglicht das Entdecken und Ernstnehmen von Kategorien, die in gegenwärtigen Zusammenhängen geringe oder gar keine Relevanz zu haben scheinen, die in historischen Kontexten jedoch bedeutsam waren. So kann uns etwa der ethnologische Blick in vormoderne europäische Gesellschaften dafür sensibilisieren, wie sehr Kategorien, die aktuell vor allem im Bereich der gender studies, cultural studies und postcolonial studies verhandelt werden – also v.a. Geschlecht, Ethnie, Nationalität und sexuelle Orientierung -, Produkte der Moderne und Postmoderne sind. Interessieren wir uns für die Bedeutung von Geschlecht in frühneuzeitlichen Gesellschaften, so geraten Kategorien wie Verwandtschaft, Generation, ziviler Stand oder auch die Position in der Erbfolge in den Blick.
Wird Geschlecht als eine Kategorie verstanden, die ihre Bedeutung immer auch in Relation zu anderen Kategorien erhält, so verschiebt sich das Erkenntnisinteresse hin zur Frage nach den Möglichkeiten, die konkrete, mehrfach verortete Menschen in spezifischen historischen Kontexten hatten. Die konkrete Bedeutung des Frau- oder Mannseins lässt sich aus dieser Perspektive nicht ‚fixieren‘, sondern sie ergibt sich aus spezifischen, sich historisch ändernden Bedingungen, Strukturen und Werten. Dies zu betonen, erscheint uns aus mehreren Gründen zentral: Erstens, weil gerade in der Geschichtswissenschaft unter dem Etikett Geschlechterforschung noch immer vor allem nach Frauen gesucht wird: wenn schon nicht nach „der Frau“, so doch zumindest nach dem Gemeinsamen zwischen Frauen. Selbst dort, wo nicht nur Frauen, sondern Geschlechterverhältnisse im Zentrum des Interesses stehen, wird zweitens Geschlecht häufig in seiner Bedeutung bewusst oder unbewusst universalisiert und über alle anderen Kategorien der Zugehörigkeit gestellt. Demgegenüber ermöglicht das Verständnis von Geschlecht als mehrfach relationaler Kategorie zu fragen, wie Menschen innerhalb der politischen, sozialen und kulturellen Wertstrukturen, die ihr Leben bestimmten, Möglichkeiten für individuelles Handeln fanden, welche Repertoires und Optionen ihnen dafür zur Verfügung standen, ob und wie sie diese nutzten und damit ihre konkreten Lebenswirklichkeiten mitgestalteten. Diese Fragen setzen auch einen Kulturbegriff voraus, der Kultur im Sinn von produktiven Modellen fasst, die das Handeln von Menschen bedingen und gleichzeitig möglich machen. Solche Modelle können ganz unterschiedliche Formen haben: Sie können durch „äußere“, materielle Bedingungen strukturiert sein oder auch durch selbstverständlich erscheinende Handlungsmuster, wie das gerade an Geschlechterordnungen und Rollenbildern deutlich wird. Dabei geht es gleichzeitig immer um Macht- und Herrschaftsverhältnisse, innerhalb derer Realitäten konstruiert und gelebt werden, und ihre Wirkungsweisen, die meist widersprüchlich sind.
Das konkrete Arbeiten mit den Quellen erlaubt es, durch das Aufeinanderbeziehen von Normen und Praxis die jeweiligen Bedeutungen, den jeweiligen Stellenwert der zur Debatte stehenden Kategorien anhand konkreter sozialer Interaktionen zu überprüfen. Das heißt, dass die Bedeutungen, vor allem aber die unmittelbaren Wirkungen solcher Kategorien für und auf die betroffenen Menschen vor allem in der Praxis entstehen. Ziel des Heftes war es daher, die Kategorie Geschlecht in ihren Relationen zu anderen analytischen Kategorien in den Blick zu nehmen und diese Relationen im Bereich der europäischen Neuzeit in einer möglichst großen Bandbreite vorzustellen. Gleichzeitig war uns auch ein Anliegen, HistorikerInnen zur Mitarbeit einzuladen, die ihrerseits bewusst verschiedene Positionen im akademischen Feld einnehmen. Wir haben die BeiträgerInnen gebeten zu begründen, welche Kategorien sie aus welchen Überlegungen zur Analyse ihrer Forschungsgegenstände für wesentlich erachten, und beim Verfassen des Textes ihr analytisches Augenmerk auf die Relationen, Überschneidungen und Wechselwirkungen zwischen diesen Kategorien zu richten. Die Klammer des Beitragsteiles dieses Heftes ist damit vor allem eine methodologische.
Die mit der Konzeption von Geschlecht als mehrfach relationaler Kategorie verbundene Dezentrierung der Kategorie Geschlecht bildete den Ausgangspunkt des Gesprächs, welches Christina Lutter mit Claudia Ulbrich führte und das die Rubrik Forum eröffnet. Ergänzt wird die Rubrik durch Birgit Wagners Eröffnungsvortrag zur I. Internationalen Graduiertenkonferenz cultural studies/Kulturwissenschaften an der Universität Wien. Auf amüsante Weise demonstriert sie, welche Erkenntnismöglichkeiten sich eröffnen, wenn das kulturwissenschaftlich-narratologische Handwerkszeug zur Analyse der aktuellen Website „Weltklasse-Uni“ des österreichischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur verwendet wird. Abgerundet wird auch dieses Heft durch die Rubriken berichte, neu gelesen und rezensionen. Leider mussten wir diesem Heft die Rubrik nachruf hinzufügen. Am 19. Juni 2002 verstarb Michael Weinzierl. Er war ein wunderbarer Kollege und ist ein unersetzbarer Freund.


Andrea Griesebner und Christina Lutter



Michaela Hohkamp: In the jungle of categories: The usage of the concept of gender in Early Modern Europe
The usage of the concept of gender has long been controversial in history-orientated social sciences. Meanwhile, masculinity and femininity, manliness and womanliness, are regarded as culturally and historically constructed realities. The article asks what assumptions early modern societies linked to gender and what the significance of gender was in relation to other social assignments? Utilising the Herrschaft Triberg in Outer Austria as an example, the paper demonstrates the interreletedness of kinship, estate, „Herrschaft“ and gender. According to the author the different social concepts should not be arranged or combined arbitrarily, but have to be related to the concept of „potestas“. From this perspective violence – within the practice of „potestas“ – becomes visible as a basic feature of early modern life. Reflections on the usefulness of gender as an analytic category have to consider if and how men and women could participate in the exercises of power (Herrschaft). These considerations are important to figure out what it ment to be a man or a women in early modern societies.


Falk Bretschneider: Witches, learned discourse and discipline. Magic and early enlightenment in the Saxon Ore mountains (1712-1720)
The „Annaberger Kranckheit“ (Annaberg illness) was a contemporary event that attracted widespread attention all over Saxony. People in the town of Annaberg – most of them children and adolescents – were afflicted with fits and convulsions, first believed to be caused by witchcraft. As soon as the „illness“ appeared, it set off an intense dispute over its causes, which raged locally, then spread thoughout the region. Initially this controversy involved only the physicians immediately concerned with control of the Annaberger Kranckheit, but local judicial authorities and scholars from the regional universities soon joined the debate. Based on documents of these events, the article examines the circumstances which led to the exclusion of magical thought and belief as a possible explanation of the annaberger krankheit.
Thereafter the author focuses on the instruments the authorities brought to bear on illness, and summarizes how the Annaberger Kranckheit was „mastered“ within a local and regional process of discipline. It aims to show that the exclusion of demonological understanding was only partly caused by new developments in the history of ideas. This exclusion should also be seen as the result of a struggle between intellectual concepts, their respective translations and adaptations to a regional context, and most important of all, their power to shape events on the local scene.


Susanne Hehenberger: „Löbl Isack’s goddess of love and her Hebrew knight“. A case of sexual deviance (Freistadt 1779/80)
4th September 1779, Saturday, early afternoon in the woods near Freistadt: the 30-year-old catholic day labourer Magdalena Gallin and her employer, the 55-year-old Jewish peddler Isaak Löbl, are arrested by a subordinate of the local administrator. Spending the night in the barn of a tailor made them appear „suspicious“. Gallin and Löbl also seemed suspicious because they were foreign – both came from Bohemia – and because they were traveling without a passport. But while Isaak Löbl assumed he had been arrested for crossing the border without a passport, Magdalena Gallin was convinced she was being detained because she had been traveling with a Jew. In the course of the first examination, Magdalena Gallin claimed that Isaak Löbl had molested her sexually several times. The question of whether the delinquents had had forbidden sexual relations (or committed deviant sexual acts) became the central focus of the trial. The defendants‘ religion, gender, alleged deviance and perceived „foreign-ness“ is analysed as an attributional process in this case. Isaak Löbl was regarded as a foreigner because he was both Jewish and an itinerant. Gender roles and expectations provided different options for the accused. Magdalena Gallin’s (bad) reputation, former detentions and contradictory statements meant that it was easy to present her as a criminal. She was sentenced to nine months of compulsory labor, and was whipped in public on four separate occasions. Though Isaak Löbl did not confess to any of the crimes attributed to him by his fellow prisoner, he was condemned to the same punishment. A local Christian man, having pled innocent, would not have been. After three months of imprisonment and compulsory labor, Isaak Löbl’s wife Fromet filed a plea for clemency for her husband. Two months later, in September of 1780, he was released and deported to Bohemia. Magdalena Gallin was not supported by her family, and her sentence was not reduced. In November of 1780, she was deported to Rosenberg, her birthplace.


Dietlind Hüchtker: „Experience“ as a Political Category: Gender and Nationality in the Writings of the Zionist Journalist Rosa Pomeranz from Galicia
In the nineteenth century, gender and nationality became „politicizable identities.“ Using the example of the journalistic writings of the Zionist Rosa Pomeranz, the paper explors the significance of experience in the essentializing and politicizing of nationality and gender. The author examines how gender and nationality could be „deployed“ in order to express political options and render them plausible. Such an approach draws the attention to journalistic practice and to the use of gender, nationality and experience in the everyday life of political movements. The paper argues that referring to experience permitted a simultaneous politicization and essentialization. This allows to question the often assumed misogyny of Zionism as well as the privileging of national solidarity over women’s solidarity. In addition, as Pomeranz traced paths to a better future, she criticized both established opinions on women’s emancipation and the exclusionary dichotomy set up between modernity and tradition. The crucial limits to womens‘ scope of action in Pomeranz‘ political model arose not because she was a Zionist and therefore uninterested in emancipatory objectives aimed at gender equality, but rather because of her conceptualization of historically relevant experience as masculine.


Gert Dressel/Nikola Langreiter: From Wehrmacht to University–from University to Marriage: Restored Gender Troubles after the Second World War Studies of contemporary history suggest that many Austrian and German men who had been in the Wehrmacht, then became prisoners of war, experienced massive disorientation upon returning home. They returned as adults in their mid-twenties; they faced great difficulties integrating into a changed society, and this wasn’t merely because they hadn’t finished their education before the war. All too often, their disorientation led to a deep crisis of identity and the conflict usually concerned their masculinity. How did the Austrian and German scholars compare: did they go through similar crises? The authors discuss this question on the basis of biographical sources (interviews, autobiographies) from representatives of the humanities in these two countries. There are some indications that – after their re-enrolment in university – their situation was only difficult for a short time, if at all. The proportion of female students at the universities had increased during the war; nevertheless, it seems that after 1945 these men – many of whom later became successful scholars – were immediately integrated into networks dominated by men. On the basis of biographical material deriving from a specific group of men the authors criticize and partially disprove the conclusions of the former studies.


Maria Mesner: Reflections on gender and reproduction in the second half of the 20th century: Finland, Austria, Portugal and the US
The author compares reproductive policies within four Western European and North-American countries: Austria, Finland, Portugal, and the US. Furthermore she includes provisions concerning the compatibility of care and wage work and compensation payments for the costs caused by needs of children into her analysis by applying a framework lent from G›sta Esping-Anderson work on welfare-states. Through this twofold approach a more comprehensive picture of the meaning and the effects of ‚gender‘ within in the field of reproduction emerges. Although the author finally comes to the conclusion that ‚gender‘ plays an important role in ascribing reproductive roles in every society it also turns out, that social differences and hierarchies produced by gender differ within a huge range if other social categories as class and ethnicity are included into the analysis. In the US for example, gender effects are much more distinct at the bottom of society than among more well-off classes, while in Finland gendering effects are spread over the whole society in a relatively even way. How diverse gendering effects and gendered meanings of social norms can be, however, if put into a more complex social analysis including several social categories is demonstrated not only by the comparison of the four societies under scrutiny but can also in several cases be proved even on the basis of one single society.

Andrea Griesebner, Christina Lutter
Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 2/02
Die Macht der Kategorien. Perspektiven historischer Geschlechterforschung