Mehr als zehntausend Kinder und Jugendliche waren bis in die 1990er Jahre einer machtvollen Fürsorgeerziehung in Tirol und Vorarlberg ausgeliefert. In Erziehungsheimen der Länder und katholischer Orden erlitten viele von ihnen psychische, körperliche oder sexualisierte Gewalt. Betroffen waren vor allem Mädchen und Buben sozial benachteiligter Familien. Dem Anspruch nach hätten diese Kinder vor unzulänglicher Versorgung und unzureichender Erziehung zu Hause bewahrt werden sollen, doch die öffentliche Ersatzerziehung erwies sich für die allermeisten als schwerwiegender. Betroffene leiden unter lange nachwirkenden Folgen.
Ein engagiertes AutorInnenteam der Universität Innsbruck beschreibt diese Anstaltserziehung und das umfassende Fürsorgeregime – mit seinen Wurzeln um 1900 und in der Zeit des Nationalsozialismus – als ein Zusammenwirken mehrerer Kräfte: der Jugendfürsorgepolitik und des Fürsorgeapparats, der frühen Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik.
Zahlreiche erstmals benützte Quellen und bisher unveröffentlichte Fotos und Materialien zeugen vom Ausmaß des Gewaltsystems in den vier Landesheimen der Region: am Jagdberg, in Kramsach-Mariatal, Kleinvolderberg und St. Martin. Sie zeigen aber auch den öffentlichen Protest von Betroffenen und sozialen Akteuren seit den 1970er Jahren. Als ZeitzeugInnen dokumentieren ehemalige HeimbewohnerInnen aus drei Generationen vielstimmig ihre Erfahrungen.
Michaela Ralser, ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorie und Geschichte öffentlicher Erziehung und Epistemologie des Subjekts an der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Wissenschaftsgeschichte des medikopädagogischen Feldes, Diskurs- und Institutionengeschichte der Heim- und Heilerziehung, transnationale Wohlfahrtslandschaften im Wandel sowie Gewalt- und Körperverhältnisse im Geschlechter- und Generationenzusammenhang. Von 2021 bis 2025 leitete sie das Lead Agency Projekt „Die Aushandlung von Erziehungsräumen in der Heimerziehung 1970–1990. Ein interdisziplinärer Vergleich von Wohlfahrtsregionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz“, welches u. a. die Forschungsgrundlage der vorliegenden Publikation darstellt.
Flavia Guerrini, ist Assistenzprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft und am Center für Interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Universität Innsbruck. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen: Fragen nach der Bedeutung von Geschlecht in Biografie, Erziehung und Sozialisation, historische Perspektiven auf Social Care und auf marginalisierte Kindheiten sowie qualitative und diskursanalytische Methoden. Aktuell arbeitet sie an Forschungsprojekten zu Nachkommen alliierter Soldaten und zur Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich.
Ulrich Leitner, ist assoziierter Professor am Institut für Erziehungswissenschaft sowie Studiendekan der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte in der Theorie und Geschichte von Erziehung und Bildung sowie der Kindheitsforschung umfassen u. a. Arbeiten zur Heim- und Internatserziehung seit 1900. Derzeit leitet er das binationale Forschungsprojekt „Lost Children. (Trans-)national out-of area placement of South Tyrolean children in Italy and Austria (1945–1970)“.
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