Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 23. Jg., Heft 3, 2012

Max Webers Protestantismus-These. Kritik und Antikritik

Manche wissenschaftliche Texte gleichen offenen Kunstwerken. Die in ihnen enthaltenen Ideen werden von Leserinnen und Lesern in einer Weise aktualisiert, die mit dem, was der Autor sagen wollte, nur noch wenig zu tun hat. Max Webers Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ist ein geradezu prototypischer Fall eines Textes, auf den man Einsichten der Rezeptionsästhetik anwenden kann. Als „Weber-These“ verselbständigte sich ein Teil seines Inhalts und wurde vielerorts zum Prüfungsstoff, der dann beispielsweise in der folgenden Form zu bewältigen ist: „According to __________’s Protestant ethic, certain religious beliefs promoted the growth of capitalism.“(1) Nicht viel besser ergeht es der „Weber-These“, wenn sich ihrer Journalisten annehmen. Die Welt versah einen Artikel über wirtschaftliche Probleme einiger europäischer Staaten mit der Überschrift „Katholiken können halt nicht rechnen“ und fügte dem dann als Aufmacher Folgendes hinzu: „Im asketischen Protestantismus sah der Historiker die Basis für den wahren Kapitalismus“.(2) Die Neue Zürcher Zeitung übertitelte eine Besprechung des Films True Grit der Brüder Joel und Ethan Coen mit „Der Wilde Westen und der Geist des Kapitalismus“ und schrieb über den Film unter anderem: „Noch das unwegsamste Stück Steppe ist vollständig vom Geist des Kapitalismus durchdrungen, und es ist ganz im Sinne Max Webers, dass am Ende Mattie, diese durch und durch humorlose Verkörperung der protestantischen Leistungsethik, ihre Buchhaltung mit einem ausgeglichenen Ergebnis – sprich mit dem Tode des Mörders – abschließen kann. Die Kehrseite der weberschen Soziologie ist freilich, dass die protestantische Askese zum ‚stahlharten Gehäuse‘ wird. So ist es nur folgerichtig, dass uns Mattie im Epilog als freudlose puritanische Jungfer wiederbegegnet.“(3)

Mit dieser Rezeption seines ursprünglich 1904 und 1905 in zwei Aufsätzen im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik erschienenen Werks hätte Weber gewiss keine Freude gehabt. Der zum Prüfungsstoff gewordene und von Journalisten als Schlagwort benutzte Kapitalismus tritt im Singular auf, hat aber nicht mehr viel mit jenem Idealtypus des modernen rationalen (Betriebs-)Kapitalismus zu tun, den Weber konstruierte. Die Verbindung zwischen dem Faktor „Geist des Kapitalismus“ und der Ausbildung einer als Kapitalismus bezeichneten Wirtschaftsform wird in den obigen Beispielen mit Attributen wie „gefördert“, „die Basis bildend“, „humorlos“ nicht gerade erkenntniserweiternd gekennzeichnet, nur der Kontext offenbart, dass es irgendwie um die Wirkung religiöser Überzeugungen geht. Wie es aber dazu gekommen sein mag, dass sogar die Steppe des Wilden Westens von einem Geist durchdrungen wurde, der als protestantische Leistungsethik spezifiziert wird? Ein auch nur kurzes Nachdenken über die ausufernde Prosa eines Filmjournalisten lässt uns entweder dessen analytische Fähigkeiten bezweifeln oder Soziologen wieder einmal der semantischen Umweltverschmutzung zeihen.(4) Doch kann man Max Weber, ein Jahrhundert nachdem er sich Gedanken machte über die Entstehung einer bis dahin seiner Meinung nach nicht gründlich genug erforschten Geisteshaltung und deren realgeschichtliche Konsequenzen, für Schludrigkeiten verantwortlich machen, die jenen unterlaufen, die sich heute auf ihn und seine These beziehen?

Einer Trivialisierung können sich gerade erhellende wissenschaftliche Einsichten kaum erwehren. Das gilt nicht nur für die gerne des Jargons bezichtigten Sozial- und Kulturwissenschaften, sondern auch für die vermeintlich esoterischeren Naturwissenschaften. Einsteins Relativitätstheorie oder Heisenbergs Unschärferelation werden gerne in Zusammenhängen zitiert, die mit dem, womit sich die beiden Physiker befassten, auch nicht mehr zu tun haben als Weber mit dem Wilden Westen. Sind die Urheber eingängiger Formulierungen aber völlig freizusprechen von der Verantwortung dafür, dass ihre Ideen für Trivialisierungen anfällig sind?

Sieht man von jener großen Majorität wissenschaftlicher Autoren ab, deren Werke nicht oder kaum rezipiert werden, findet man aufseiten der wenigen, deren Werke Resonanz fanden, einige typische Muster: Trivialisierung findet besonders dann statt, wenn eine Idee popularisiert wird und in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang findet, wofür Alfred Adlers Minderwertigkeitskomplex ebenso angeführt werden kann wie Webers Charisma oder Robert K. Mertons self-fulfilling prophecy. In diesen und vielen vergleichbaren Fällen verlor eine spezifische Einsicht in einen bestimmten Zusammenhang einen Teil ihrer aufschließenden, erklärenden Kraft durch Verflachung und durch Anwendung auf vom ursprünglichen Autor nicht ins Auge gefasste Tatbestände. Der deutsche Soziologe Friedrich Tenbruck hat diesen Wandel in einem Aufsatz, der mit einer Interpretation Webers einsetzt, dahingehend spezifiziert, dass „in der Ausgangslage Erkenntnisse einen hohen Bedeutungswert, hingegen meist keinen Nutzungswert“ besitzen, während sie in der „Endlage umgekehrt keinen Bedeutungs-, gewöhnlich aber einen hohen Nutzungswert“ haben.(5) In diesem Sinn verstandene Trivialisierung verändert die ursprüngliche Idee, verkürzt und banalisiert sie, lässt aber immerhin noch einen Rest ihrer anfänglichen Bedeutung erkennen. Was als die Protestantismus-These Webers gilt, wird von manchen Interpreten als Fall einer derartigen Trivialisierung angesehen, während andere Interpreten behaupten, dass Webers These falsch sei.(6) Aus dem Gesagten ergibt sich dann erstens die Frage, ob die These von Beginn an falsch war oder erst im Zuge der Rezeption falsch wurde. Zweitens wäre zu klären, wie es denn möglich ist, dass diese angebliche Falschheit der These nicht gesehen oder ignoriert wurde.(7)

Das letzte Buch von Heinz Steinert, er verstarb 69-jährig am 20. März 2011, ist eine sehr pointierte Auseinandersetzung mit Webers Protestantischer Ethik. Steinert vertritt die Meinung, dass Weber den zahllosen Fehldeutungen seiner These Vorschub geleistet habe. Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen. Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus(8) ist keine freundlich-wohlwollende Klassikerinterpretation, sondern eine zwar um Sachlichkeit bemühte, aber unverhohlen polemische Auseinandersetzung mit Weber, seinen Anhängern und all jenen, die die berühmte These für richtig halten, von der Steinert lakonisch sagt, sie sei „zwar hübsch, aber falsch“ (S. 20).

Worum geht es Steinert? „Die Unsitte, Texte mit der Kinderfrage zu analysieren: Was will uns der Autor damit sagen?, führt ohnehin nicht zur Bedeutung des Textes“ (S. 11) heißt es in Steinerts Vorwort, und daher soll die Kinderfrage auch nicht an seinen Text herangetragen werden, was umso entbehrlicher ist, als er unzweideutig klar macht, was sein Anliegen ist. Es geht ihm um den seiner Meinung nach einzig angemessenen Umgang mit klassischen Texten, sie zu „historisieren“ (S. 13). „Klassiker“ sind für Steinert kein „gesicherter Bestand an Wissen […], auf dem wir aufbauen können, sondern relativ gut erforschte Beispiele dafür, wie die Erfahrungen einer bestimmten gesellschaftlichen Situation unter Verwendung überkommener Denkmodelle verarbeitet wurden“ (S. 13). Zuerst sei eine „genaue und unvoreingenommene Lektüre“ angebracht, die im vorliegenden Fall „die elementare Form der Ideologiekritik (ermöglicht), die an Schwachpunkten des Arguments ansetzt und fragt, was wohl zu ihnen geführt haben mag“ (S. 15). Zweitens gehe es um eine Analyse der „Nachgeschichte der ‚Protestantischen Ethik‘ – um das, was Weber selbst noch zu Kontroversen darüber beigetragen hat, und um die soziologische Rezeption“ (S. 16). Steinerts Studie endet mit einem essayistischen Teil, in welchem er die preußische Nervosität der Wiener Neurose gegenüberstellt und beide als „Symptome des Untergangs des liberalen bürgerlichen Individuums“ deutet. Das scheint dann aber, wenn schon nicht „ein Buch über Max Weber“ (S. 11), so doch ein Kapitel über ihn zu sein. Bevor ich die einzelnen Aufsätze vorstelle, soll für jene Leser/innen, die Steinerts Studie noch nicht kennen, deren analytischer Rahmen ein wenig genauer beleuchtet werden.

Schon der Titel des Buches macht klar, dass Steinert wissenschaftstheoretisch ein Stück weit Karl Popper folgt, der bekanntlich all jene Gedankengebäude aus der weiteren Behandlung durch die Wissenschaften ausschließen wollte, die in einer Form vorliegen, die eine Widerlegung unmöglich macht. Unter Poppers Verdikt fielen die Theorien von Marx, Freud und Darwin – das allein reicht, den Maßstab Poppers in Zweifel zu ziehen und genau deswegen wurde in der an Popper anschließenden Diskussion dieser scharfe Falsifikationismus verabschiedet.(9) Ohne sich auf wissenschaftstheoretische Debatten einzulassen, vertritt Steinert offenbar eine moderate Version des Falsifikationismus, der von Systemen von Aussagen – gemeinhin Theorien genannt – verlangt, dass sie in einer Form vorliegen, die Widerlegung(sversuche) zumindest nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Nötig sei es, Angaben darüber zu machen, wann und unter welchen Umständen eine Allgemeinaussage oder Theorie als widerlegt zu betrachten wäre. Dazu müssen etwa der (zeitliche) Geltungsbereich oder die Anwendungsfälle der allgemeinen Theorie spezifiziert bzw. eingeschränkt werden. Für die Weber-These könnte das beispielsweise in der Form erfolgen, dass sie nur für die Entstehung und das erstmalige Auftreten industriekapitalistischer Wirtschaftsformen Gültigkeit beansprucht. Oder man könnte den mehrdeutigen Begriff des Kapitalismus genauer definieren und die Analyse nur auf bestimmte der vielen Gestalten, die dieser angenommen hat, einschränken. Bei der Weber-These geht es, zumindest in der Form, in der sie üblicherweise referiert wird, um einen (Kausal-)Zusammenhang zwischen mentalen Dispositionen und verhaltensleitenden Gewohnheiten, eben dem „Geist“ des Kapitalismus, auf der einen Seite und einer ‚abhängigen‘ Variable, der Entstehung, Ausbreitung, Verfestigung einer bestimmten sozialen Routine des Erwerbsstrebens, dem Profitmachen um des Profits willen. Daher könnte man diese beiden Faktoren jeweils exakter zu fassen versuchen. Mit dieser (Erklärungs-)Strategie ließe sich zeigen, dass eine bestimmte Form religiöser Überzeugungen, die bei anderen Personen desselben oder eines ähnlichen Glaubens nicht zu finden sind, häufiger bei jenen Personen nachzuweisen ist, die als frühe Vertreter des dann wiederum näher zu spezifizierenden kapitalistischen Erwerbsstrebens identifiziert werden können. – Das freilich wäre eine durch und durch undankbare Aufgabe, weil eine elegante, einfache These sich flugs in einer Unzahl von Ausnahmen und Qualifikationen aufzulösen droht. Webers spätere, 1920 erschienene Version der beiden Aufsätze aus den Jahren 1904 und 1905 enthält eine Vielzahl solcher Spezifikationen, und Steinert wird nicht müde, das festzuhalten.

Es stehen aber noch zwei andere Strategien der wohlwollenden Rettung bzw. der endgültigen Zurückweisung der Weber-These zur Verfügung. Um die Weber-These zu retten, haben manche Interpreten den Weg gewählt, sie zu einer „großen Erzählung“ zu erklären; und große Erzählungen sollen es an sich haben, dass sie das Augenmerk auf einen bis dahin unterbelichteten Aspekt richten und damit ihre Aufgabe eigentlich auch schon erledigt haben. Die Detailforschung könne ergeben, dass das Unbewusste doch nicht immer und überall am Werk sei, dass nicht alle Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen sei, und so fort. Dennoch mache es eine Zeit lang Sinn, Forschungsanstrengungen darauf zu richten, eben jene Zusammenhänge im Detail zu studieren, die durch die große Erzählung erstmals benannt worden sind. Allein, es bleibt das Problem, dass man um die Prüfung des Wahrheitsgehalts solcher Deutungen nicht herumkommt, will man die großen Erzähler von jenen Scharlatanen unterscheiden, deren es in der Geschichte des Wissens nicht wenige gibt (Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes fällt mir sofort als Exempel ein). Eine Verteidigung großer Erzählungen, die diesen dauernde Gültigkeit verschaffen will, kann nicht erklären, warum die Menschheit einige große Erzählungen dem Vergessen anheimgegeben hat, während andere immer noch nacherzählt oder bekämpft werden.

Die andere Strategie ist jene, die Steinert verfolgt: Geprüft wird die „handwerkliche Sorgfalt“ des Autors der großen Erzählung. Im ersten Teil seines Buches überprüft Steinert die Quellen, auf die sich Weber in seinem ursprünglichen Text von 1904/05 bezieht, und gelangt zu dem Ergebnis, dass Weber mit den Quellen oft willkürlich verfahren sei. Zu prüfende Thesen wie jene, Luther habe Arbeit als Beruf(ung) verstanden, finden im Quellenmaterial keinen Beleg; Statistiken, die he­rangezogen werden, um den Zusammenhang von Wohlstand und Religionsbekenntnis zu demonstrieren, enthalten Rechenfehler und deuten den korrelativen Zusammenhang, ohne einen Gedanken auf Drittvariable zu verschwenden, einseitig.(10) Als Kronzeugen für den Geist des Kapitalismus zieht Weber Benjamin Franklins Traktat Advice to a young tradesman heran, allerdings wird sein satirischer Charakter von Weber ebenso ignoriert wie unklar bleibt, aus welcher Quelle Weber Franklins Text eigentlich zitiert.

Im zweiten Teil untersucht Steinert „die Logik von historischen Zusammenhängen“ und konzentriert sich hier auf den von Weber inthronisierten Idealtypus, von dem Steinert gerne erfahren würde „wie (er) sich eigentlich von einem üblichen, also weniger idealen Typus (unterscheidet)?“ Eine ausführliche Rekonstruktion der Debatten der vorigen Jahrhundertwende zwischen der Wiener Schule der Nationalökonomie, namentlich Carl Mengers Beiträgen, und den deutschen historischen Nationalökonomen um Gustav Schmoller nutzt Steinert, um zu argumentieren, dass Webers Bemühen eigentlich auf Kausalerklärung gerichtet war, er aber aus zeitbedingten Umständen beim Begriff der Kausalität eher dem Verständnis damaliger Juristen folgte und das Denken in bedingten Wahrscheinlichkeiten sich nicht zu eigen machen konnte oder wollte.

Im dritten Teil wendet sich Steinert den anfänglichen Debattenbeiträgen zu, die Webers Erstveröffentlichung folgten. Eine der nahezu unvermeidlichen Folgen, die zu Klassikern gewordene Texte belastet, liegt ja darin, dass diese Texte aus dem historischen Diskussionszusammenhang herausgelöst werden und späteren Leserinnen und Lesern als Unikate erscheinen können. Im Fall Webers wird das besonders deutlich, weil in den Wiederabdrucken seine Kritiken und Anti-Kritiken enthalten sind, jedoch jene Texte, auf die er sich dort bezieht, selten konsultiert werden, weil sie in den Tiefspeichern der Bibliotheken liegen. Webers Aufsatzfolge bildet hier keine Ausnahme, und es ist Steinerts Verdienst, dass er den Beiträgen Anderer gebührend Aufmerksamkeit schenkt. Weberianern sagt er damit wohl nicht viel Neues, aber andere Leserinnen und Leser werden aus diesem Teil Nutzen ziehen. Am Ende entwirft Steinert „Konturen des Arbeitsprogramms für eine Rezeptionsgeschichte“, wobei er nochmals und etwas ausführlicher erläutert, was er unter der Historisierung klassischer Texte versteht, sich aber letztlich mit einem kursorischen Durchgang durch einige Etappen der Weber-Rezeption begnügen muss.

Die Aufgabe, die hier nicht mehr geleistet wurde, wäre die Rekonstruktion des Weber’schen Theorieprogramms, bei dem sich eine Anleihe bei Imre Lakatos und der von ihm exponierten Methodologie der Forschungsprogramme als nützlich erweisen könnte.(11)
Lakatos versuchte die beiden als konträr angesehenen Beiträge von Karl Popper und Thomas S. Kuhn zusammenzubringen, indem er Kuhns wirkmächtige Idee des Paradigmas präzisierte und gegen Popper ins Treffen führte, dass man nicht isolierte Theorien, sondern Theorieabfolgen betrachten sollte. In seiner Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme finden wir einen harten Kern, den die Anhänger des jeweiligen Theorieprogramms gegen Widerlegungsversuche zu immunisieren trachten – das ist die Übernahme der Grundidee von Kuhns Paradigma. Der harte Kern ist von einem Kranz von Hilfshypothesen umgeben, die falsifiziert werden können. In der Theorieentwicklung werden die Hypothesen dieses Schutzgürtels von den beteiligten Forscher/innen einer empirischen Prüfung ausgesetzt; solange sie sich bewähren, also nicht widerlegt worden sind, werden sie als „subjektiv verifiziert“ betrachtet, was die Voraussetzung dafür ist, dass das Forschungsprogramm fruchtbar weiterverfolgt werden kann. Treten aber „Beobachtungen“ auf, die mit dem Geltungsbereich des gesamten Forschungsprogramms in Widerspruch zu treten scheinen, stehen den beteiligten Forscher/innen zwei Strategien zur Verfügung. Die eine nennt Lakatos „degenerative Problemverschiebung“; jene Beobachtungen, die widerlegend erscheinen, werden gleichsam aus dem Geltungsbereich hinausgeschoben bzw. der Geltungsbereich der These eingeschränkt. Das Forschungsprogramm schrumpft, es degeneriert. Der attraktivere Weg heißt bei Lakatos „progressive Problemverschiebung“ und führt zu einer Reformulierung der widerlegten Hilfshypothese, die den Geltungsbereich des Forschungsprogramms tendenziell erweitert und weitere provisorische subjektive Verifikationen zulässt. Lakatos erläutert seine Konzeption unter Rückgriff auf naturwissenschaftliche Forschungsprogramme, der Grundgedanke seiner Vorstellung von Theoriendynamik ließe sich allerdings auch auf geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsprogramme anwenden, die bekanntlich gerne im Anschluss an Kuhn Paradigmen sein wollen.(12)

Lakatos konnte seine Methodologie(13) nicht weiter ausarbeiten, er starb, erst zweiundfünfzig Jahre alt, 1974 in London. Heutige Wissenschaftstheoretiker argumentieren im Anschluss an Lakatos, komplexe Forschungsprogramme hätten einen harten Kern, der gegen Widerlegungsversuche immunisiert werde. Den Kern umgebe eine Peripherie, ein Kranz von Hilfshypothesen, die einer empirischen Prüfung und allfälligen Widerlegung ausgesetzt werden (sollten). Auf die Weber’sche Protestantismus-These angewandt, könnten die Kernthesen (K) beispielsweise lauten:
K1: „(Der) entstehende Kapitalismus der Neuzeit [ist durch einen] adäquaten ethischen ‚Lebensstil‘ (gekennzeichnet).“(14)
K2: „Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung […] zwingt dem einzelnen […] die Normen [ihres] wirtschaftlichen Handelns auf.“(15)
K3: „(Es) besteht die Tatsache: daß die Protestanten […] eine spezifische Neigung zum ökonomischen Rationalismus gezeigt haben, welche bei den Katholiken [nicht] in gleicher Weise zu beobachten war und ist.“(16)

Unnötig festzuhalten, dass man lange darüber diskutieren kann, welche der theoretischen Sätze Webers man nun als zum Kern gehörige auswählt. Doch dass man eine solche Auswahl zu treffen hat, wird durch die Prinzipien der Lakatosschen Methodologie der Forschungsprogramme erzwungen.

Um den Kern eines Forschungsprogramms gruppieren sich weitere Sätze, deren Allgemeinheitsgrad ein wenig geringer ist, die aber allesamt auch noch als theoretische (soll hier heißen: nicht durch singuläre Beobachtungen widerlegbare Aussagen) zu qualifizieren sind und die Brücke zu den empirischen Indikatoren bilden, die an der Peripherie liegend, Widerlegungsversuchen ausgesetzt werden. Dafür in Frage kämen Sätze wie die folgenden:
S1: „Die größere ‚Weltfremdheit‘ des Katholizismus (müßte) seine Bekenner zu einer größeren Indifferenz gegenüber den Gütern dieser Welt erziehen“.(17)
S2: „Der heutige […] Kapitalismus […] schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte […] deren er bedarf. […] Damit jene der Eigenart des Kapitalismus angepaßte Art der Lebensführung und Berufsauffassung ‚ausgelesen‘ werden […] konnte, mußte sie […] zunächst […] als eine Anschauungsweise, die von Menschengruppen getragen wurde (entstanden sein)“.(18)

Als spezielle Aussagen, die, da sie zur Peripherie zählen, widerlegt werden dürfen, könnten dann jene Sätze reformuliert werden, deren es mehr als genug in der Protestantischen Ethik gibt. Indikatoren (I) formulieren Aussagen, die empirisch-historisch überprüfbar sind.
I(1): Benjamin Franklins Traktat Advice to a young tradesman propagiert die Nützlichkeit von Tugenden. (Wobei hier gleichgültig ist, dass Franklins Text von den zeitgenössischen Leserinnen und Lesern als satirischer Text erkannt wurde, Weber ihn hingegen als pointierte Beschreibung der damaligen Lebensführung einer elitären Minderheit betrachtete.(19))
I(2): „Die Verbindung gefühlsmäßiger und dabei doch asketischer Religiosität mit zunehmender Indifferenz oder Ablehnung der dogmatischen Fundamente der calvinistischen Askese charakterisiert […] den Methodismus.“(20)
I(3): „Auch bei puritanischen Schriftstellern finden wir natürlich nachdrückliche Warnungen vor ‚falscher Sicherheit‘, aber wenigstens die Prädestinationslehre wirkte, soweit ihr Einfluß die Seelsorge bestimmte, stets in der entgegengesetzten Richtung.“(21)

Eine ausgearbeitete Rekonstruktion des Weber’schen Programms müsste dann in einer prüfbaren „Prognose“ (P) kulminieren, etwa derart:
P: In allen bisher vorfindlichen Fällen tritt in Gesellschaften mit einer kapitalistisch organisierten Produktionsweise anfänglich eine soziale Schicht auf, die von Personen gebildet wird, die, noch ehe sie als Kapitalisten tätig wurden, Merkmale des Geistes des Kapitalismus aufweisen. (Ich sehe hierbei völlig davon ab, dass Weber in der Protestantischen Ethik mehr als einmal davon spricht, ein „historisches Individuum“, einen „Idealtypus“ zu analysieren, da ja zumindest die Rezeption einhellig die Auffassung teilt, dass aus Webers Analyse Folgerungen für andere Fälle gezogen werden können. Hätte Weber nicht mehr als den einmaligen Fall der Entstehung des okzidentalen Kapitalismus analysiert, wäre die Fruchtbarkeit seines Forschungsprogramms per definitionem gering.)

Aus Lakatos’ Methodologie können wir eine weitere nützliche Anregung für die Debatte um Weber und die Protestantische Ethik ableiten. Lakatos betont, dass Theorien nicht im Singular untersucht und kritisiert werden sollten, sondern Forschungsprogramme im Plural, also Abfolgen von theoretischen Aussagesystemen. Da Weber selbst in seinen Antikritiken Modifikationen seiner Thesen vornahm, ließen sich die Etappen als solche mit Gewinn rekonstruieren und man müsste nicht länger über die Weber-These disputieren, sondern könnte stattdessen das von Weber und seinen Anhängern schrittweise ausgearbeitete Forschungsprogramm zum Gegenstand der Untersuchung machen.(22) Ohne eine derartige Rekonstruktion des Weber’schen Forschungsprogramms hier im Detail leisten zu können, möchte ich mit diesen wenigen Hinweisen zumindest andeuten, wie diejenigen, die Webers Sichtweise für fruchtbar halten, deren Kern jenseits einer textnahen Hermeneutik darstellen könnten, um unfruchtbare Debatten hintanzuhalten.(23)

Steinert ging es offensichtlich nicht um einen derartigen Rettungsversuch. Er wollte demonstrieren, dass Weber seine Thesen von Anfang an vage formulierte und sie nach Kräften einer Überprüfung zu entziehen trachtete. Daher hat sich eine Auseinandersetzung mit Steinerts Kritik an Weber auf die Prüfung ihrer Berechtigung zu beschränken. In genau dieser Absicht haben wir Autoren, die mit dem Werk und Anliegen Max Webers vertraut sind, eingeladen, Steinerts Kritik einer näheren Prüfung zu unterziehen.

Sandro Segre referiert in seinem Beitrag Steinerts zentrale Argumente, die er dann Schritt für Schritt auf ihre Stichhaltigkeit prüft und durch Hinweise auf von Steinert nicht herangezogene Literatur ergänzt. Klaus Lichtblau behandelt in ähnlicher Weise die Kritikpunkte Steinerts an Weber und versucht zu zeigen, dass Steinert hier und da etwas übersehen oder falsch interpretiert hat. Christopher Adair-Toteff greift eine der zentralen Argumentationslinien Steinerts auf, der argumentiert, dass man Webers Aufsätze nur verstehen könne, wenn man sie in den Kontext des Kulturprotestantismus seiner Zeit einbettet; Adair-Toteff kommt zu dem Ergebnis, dass man nach der Lektüre von Steinerts Buch Weber nicht mehr auf die gleiche Art lesen könne. Hubert Treiber ergänzt in seinem Beitrag Steinerts Historisierung durch detaillierte Hinweise auf theologische Zirkel in der Umgebung Max Webers, deren Bedeutung für das Verständnis der Protestantischen Ethik er hervorhebt. Darüber hinaus diskutiert Treiber einige der methodologischen Gesichtspunkte in Steinerts Argumentation. Hartmut Lehmann ergänzt Steinerts Bemühen um Historisierung, indem er auf die Rolle Webers als einem der neuen Herausgeber des Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik eingeht und zeigt, welchen Zwängen das Herausgeber-Triumvirat unterworfen war. Webers Artikel zum Protestantismus erscheint demnach auch aus den Zwängen, denen sich Zeitschriftenherausgeber damals ausgesetzt sahen, entstanden zu sein. Sven Eliaeson erweitert den Blickwinkel, indem er zu zeigen versucht, dass die Suche nach Erklärungen für das, was man seither okzidentalen Rationalismus nennt, schon lange vor Weber begonnen hat. In Macchiavelli findet Eliaeson einen Wahlverwandten Webers. Dirk Kaesler liefert in seinem Beitrag eine dichte Beschreibung seiner Freundschaft mit Heinz Steinert, die ihn – als Stammesmitglied der „Weberei“ – zum Übersetzer für den ethnologisch forschenden Weber-Kritiker werden ließ. Schließlich behandelt Rafael Schögler aus dem Blickwinkel der Translationswissenschaft das auch bei Steinert angesprochene Problem der Übersetzung der Protestantischen Ethik ins Englische und zeigt, wie die verschiedenen Übersetzer diese Aufgabe lösten.

In Ergänzung des Bandes Historische Netzwerkanalysen (ÖZG 23, 2012/1) publizieren wir einen Aufsatz von Matthis Krischel, Thorsten Halling und Heiner Fangerau, die „Anerkennung in den Wissenschaften“ am Fall der Eugenik-Literatur mit der Methode der Netzwerkanalyse untersuchen.

Christian Fleck/Graz

Anmerkungen

(1)    www.cengage.com/cgi-wadsworth/course_products_wp.pl?fid=M20b&product_isbn_issn=017650 1835&template=NELSON
(2)    Berthold Seewald, Die Welt, 7. 12. 2010, www.welt.de/print/die_welt/kultur/article11440208/Katholiken-koennen-halt-nicht-rechnen.html. Den Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich Heinz Steinert.
(3)    Simon Spiegel, Neue Zürcher Zeitung, 24. 2. 2011, www.nzz.ch/nachrichten/kultur/film/der_wilde_westen_und_der_geist_des_kapitalismus_1.9661914.html
(4)    Der Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller benutzt diese Wendung in der Einleitung zur 5. Auflage seiner Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie Band III, Stuttgart 1986, xiii, ohne explizit zu machen, auf wen er sich bezieht. Der Kontext legt nahe, dass er neomarxistische Zeit­genossen im Auge hat.
(5)    Friedrich Tenbruck, Der Fortschritt der Wissenschaft als Trivialisierungsprozess, in: Nico Stehr/René König, Hg., Wissenschaftssoziologie, Opladen 1975, 19–47, hier: 23.
(6)    Natürlich haben alle Marxisten Weber widersprochen; jemand, der das mit Argumenten tat, war Otto Bauer in seinem erstmals 1924 erschienenen Weltbild des Kapitalismus, jetzt in: Otto Bauer Werke 2, Wien 1976, 887–933.
(7)    Fallbeispiele aus der jüngeren Wissenschaftsgeschichte und weiterführende Hinweise dazu in Robert N. Proctor/Londa Schiebinger, Hg., Agnotology: The Making and Unmaking of Ignorance, Palo Alto 2008.
(8)    Frankfurt am Main/New York 2010. Verweise auf dieses Buch im Folgenden direkt im Text.
(9)    Siehe die Beiträge in Imre Lakatos/Alan Musgrave, Hg., Criticism and the Growth of Knowledge, Cambridge 1970, erweiterte deutsche Ausgabe unter dem Titel Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig 1974.
(10)    Auf von Weber ignorierte Drittvariable machte Pitirim Sorokin schon sehr früh, wenn auch nur in einem Brief aufmerksam, in welchem er seinem Studenten Robert Merton auszureden versuchte, mit seinem Dissertationsvorhaben fortzufahren. Die „Weber-Troeltsch-Merton construction […] exclusive traits of Protestantism“ zu finden, sei zum Scheitern verurteilt, weil sie sich einer Einsicht Paretos widersetze, die Sorokin folgendermaßen beschreibt: „A – cause of B, B – cause of A. Meanwhile, the real situation is: A and B are ‚functions‘ of a third deeper and larger ‚cause‘ C. Weber-Merton proceed along the first scheme. I proceed in such questions along the second.“ Robert K. Merton, The Sorokin-Merton Correspondence on Puritanism, Pietism and Science, 1933–1934, in: Science in Context 3/1 (1988), 293–300, Zitate auf den Seiten 294 und 295; die Pareto-Quelle ist nicht angegeben.
(11)   Eine knappe, leicht verständliche Darstellung von Lakatos findet man in Hans Poser, Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Stuttgart 2001, 157–165; etwas anspruchsvoller ist Gerhard Schurz, Einführung in die Wissenschaftstheorie, Darmstadt 2006, 166–211.
(12)    Das jüngst propagierte Weber-Paradigma bezieht sich ausdrücklich nicht auf Kuhn, sondern wird als Forschungsprogramm exponiert, wobei allerdings die explizite Bezugnahme auf Lakatos der Fruchtbarkeit seiner Ausführungen nicht gerecht wird, sondern sich mit einer oberflächlichen Entlehnung einiger Schlagworte zufrieden gibt und dabei Lakatos vor allem aber missversteht. Der Kern des „weberianischen Forschungsprogramms“ wird in einer „Theorie regelgeleiteten Handelns“ verortet, die auf „strikt nomologische Hypothesen zugunsten so genannter ‚Deutungshypothesen‘ (verzichtet)“. Gert Albert/Agathe Bienfait/Steffen Sigmund/Claus Wendt, Das Weber-Paradigma. Eine Einleitung, in: dies., Hg. Das Weber-Paradigma: Studien zur Weiterentwicklung von Max Webers For­schungsprogramm, Tübingen 2005, 5; s. Wolfgang Schluchter, Handlung, Ordnung und Kultur, in: ebd., 44 f., wo sich die Referenz auf Lakatos findet.
(13)    Vgl. zu Person und Werk nun George Kampis/Ladislav Kvasz/Michael Stoeltzner, Hg., Appraising Lakatos: Mathematics, Methodology and the Man, Dordrecht 2002.
(14)    Max Weber, Antikritisches Schlußwort zum „Geist des Kapitalismus“, zitiert nach der Ausgabe Die Protestantischen Ethik und der Geist des Kapitalismus. Vollständige Ausgabe, hg. u. eingeleitet von Dirk Kaesler, München 2004, 378.
(15)    Weber, Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ebd., 79.
(16)    Ebd., 68 f.
(17)    Ebd., 69.
(18)    Ebd., 79.
(19)    Weber spricht an mehreren Stellen davon, dass Franklin ihm als „Beispiel“, „Typus“, „Idealtypus“, mit anderen Worten also als Indikator dient. An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, darauf hinzuweisen, dass Steinert selbst eine Satire seiner Zeit, nämlich den „Herrn Karl“ von Carl Merz und Helmut Qualtinger durchaus als Quelle zum Verständnis der Zweiten Republik und der in ihr lange Zeit vorherrschenden Mentalitäten herangezogen hat, s. Fiona Steinert/Heinz Steinert, Reflexive Menschenverachtung: die Wienerische Variante von Herrschaftskritik. Der Herr Karl – ein echter Wiener geht nicht unter, in: Reinhard Sieder/Heinz Steinert/Emmerich Tálos, Hg., Österreich 1945 – 1995. Gesellschaft – Politik – Kultur. Wien 1995, 236–249. Aus dem Umstand, dass Weber die Satire nicht wahrnahm, folgt noch nicht die analytische Wertlosigkeit von Franklins Traktat.
(20)    Weber, Protestantische Ethik, 171.
(21)    Ebd., 239 (Fußnote 149).
(22)    Schurz, Einführung, zeigt, dass im Anschluss an Lakatos auch sozial- und humanwissenschaftliche Forschungsprogramme gewinnbringend rekonstruiert werden können.
(23)    Ein jüngster Versuch in dieser Richtung ist Andreas Hess, Radical Protestantism and doux commerce: The trials and tribulations of Nantucket’s Quaker whaling community, in: Economy and Society 41/2 (2012), 227–257.
 

Ihre Vorteile: Lieferung frei Haus. Einfach auf Rechnung kaufen. Vorbestellen und jede Neuerscheinung am Erscheinungsdatum zugeschickt bekommen …mehr dazu