Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 22. Jg., Heft 1, 2011

Politisch Reisen

Reisen als politische Praxis

Reisen auch über große Entfernungen wurden durch die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts nicht nur einfacher und berechenbarer, sondern auch erschwinglicher. Immer mehr Menschen machten sich daher im
19. Jahrhundert aus ganz unterschiedlichen Gründen zumindest temporär auf die Reise, bis im Laufe des 20. Jahrhundert das Reisen – vor allem in der Form des Tourismus – zu einem Massenphänomen wurde. Damit entstanden nicht nur neue Formen und Praktiken des Unterwegsseins, es eröffneten sich auch neue Möglichkeiten, andere als die eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse, andere Milieus und andere politische Systeme und Bewegungen kennenzulernen. Auch die Verbreitung politischer Programme und Botschaften über regionale und nationale Grenzen hinweg wurde dadurch enorm erleichtert. Die Beiträge des vorliegenden Bandes fragen aus unterschiedlichen Perspektiven nach politischen Funktionen des Reisens. Im Fokus stehen europäische Reisende des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, die sowohl in Europa selbst als auch in Nordamerika und Asien unterwegs waren. Das Spektrum der thematisierten sozialen Bewegungen und politischen Anliegen reicht von den Frauenbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg über marxistische (sozialistische und maoistische) Gruppierungen, gewerkschaftliche und sozialpolitische orientierte Aktivitäten über die politische Auseinandersetzung mit Sexualität bis hin zu nationalistischen und faschistischen Organisationen. Gemeinsam ist den Autor/inn/en das Interesse an einer spezifischen Gruppe von Akteur/inn/en und ihren Praktiken: an jenen, die für und durch ihre Ziele auf Reisen gingen. Die damit gestellte Frage nach der politischen Bedeutung des Reisens verweist auf zwei unterschiedliche, nur selten miteinander verbundene Forschungskontexte und deren theoretische Konzepte: auf Forschungen zum Reisen als kulturelle Praxis auf der einen und auf die Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen sozialen Bewegungen auf der anderen Seite – beide will der vorliegende Band adressieren.

Reisen als kulturelle Praxis zu untersuchen erfordert einen interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Zugang. Eine Reihe von Disziplinen hat sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Thema auseinandergesetzt – historische Perspektiven spielen dabei ebenso eine Rolle wie literaturwissenschaftliche Ansätze. Eine Systematik der Zugangsweisen schlagen Hans Erich Bödeker, Arnd Bauerkämper und Bernhard Struck vor.(1) Sie unterscheiden zwischen Forschungen zur Programmatik und Praxis des Reisens, formulieren Fragen zu Dimensionen des Kulturkontakts und zu damit verbundenen Formen der Aneignung, fragen nach literarischen Verarbeitungen und Repräsentationen von Reisen und thematisieren schließlich materielle und theoretische Transfers. Dass diese idealtypisch formulierten Frageperspektiven freilich oft quer zu den eher disziplinär und/oder thematisch verlaufenden Strukturierungen des heterogenen Forschungsfeldes bestehen, konzedieren nicht nur die Herausgeber des verdienstvollen Sammelbandes, dies lehrt auch die Auseinandersetzung mit konkreten Forschungsprojekten. Thematisiert die literaturwissenschaftliche Reiseforschung Genres und Metaphern von Reisetexten,(2) so fokussieren historische und kulturwissenschaftliche Studien eher auf spezifische Gruppen, ihre Identität und ihre Praktiken.(3) Für beide Perspektiven liegt auch die exemplarische Auseinandersetzung mit einzelnen Reisenden bzw. deren Texten nahe – das biographische Interesse ist dabei bisweilen von Idealisierungen und Identifikationen begleitet.(4)

Von zentraler Bedeutung ist schließlich die historische Situierung des Reisens: Wenn auch eine Reihe von Forschungen lange Zeiträume in den Blick nehmen(5) und damit letztlich sehr weitreichende Kontinuitäten nahe legen, so erhielt das Reisen doch im Zeitalter des Kolonialismus eine spezifische Bedeutung und Ausbreitung. Es waren Angehörige des europäischen Bürgertums und des Adels, die auf den durch koloniale Eroberungen geschlagenen Wegen und in den Netzwerken imperialer Herrschaft in eine gewaltsam unterworfene Ferne aufbrachen – ihre Reisepraktiken waren mit dem Prozess der fortschreitenden Erschließung und Ausbeutung der Welt durch europäische Staaten und Unternehmen untrennbar verbunden.(6) Die kritische Auseinandersetzung mit der Ausblendung dieser Gewaltverhältnisse hat die Formulierung einer Reihe von inzwischen zentralen Fragen der Reiseforschung
initiiert. Diese zielen auf die Dekonstruktion von Konzepten des Selbst, die vor projektiven Bildern des Anderen entworfen wurden,(7) ebenso wie auf die Suche nach den weitgehend ungehörten Stimmen und Einsprüchen an den Orten der kolonialen
 ntervention. Mary Louise Pratt hat in ihrem Richtung weisenden Buch vehement für die Auseinandersetzung mit Prozessen der Transkulturation, mit Formen des Konfliktes in den Räumen des kolonialen Zusammentreffens, mit der Sprache der ‚Kontaktzone‘ und den Ausdrucksformen des Widerstandes plädiert.(8) Ein ganz anderer Fokus entsteht, wenn die Reisepraktiken des sich im 20. Jahrhundert zu einem Massenphänomen entwickelnden Tourismus thematisiert werden.(9) Als Voraussetzungen dafür gelten zum einen der Ausbau des Eisenbahnnetzes und das Auseinandertreten von Arbeit und Freizeit, wodurch Reisen für eine große Zahl
von Menschen zu einer Form des Konsums und des Vergnügens werden. Die politischen Dimensionen dieser Praktiken werden deutlich, wenn etwa der Zusammenhang zwischen Tourismus und nation building thematisiert wird.(10) Geraten allerdings aus der Perspektive der Tourismusforschung die europäischen Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts zu Vertretern des „Proto-Tourismus“(11), so scheint dies eine bisweilen eher selektive Bezugnahme auf die Geschichte der Reiseforschung deutlich
zu machen. Gerade die Frage nach dem Reisen als politische Praxis muss allerdings, wie wir zeigen wollen, auf beide Perspektiven Bezug nehmen.

Wenn mit dem hier vorliegenden Band auf eine, wie wir glauben, noch viel zu wenig beachtete Gruppe von Reisenden hingewiesen werden soll, so kann dabei an viele der im Kontext kulturwissenschaftlicher Reiseforschung gestellten Fragen nach Praktiken wie auch nach Repräsentationen angeknüpft werden. Die Auseinandersetzung mit dem Reisen als politische Praxis und mit Reisenden im Kontext politischer Bewegungen könnte darüber hinaus den Blick auf Reisen aus den kolonialen und postkolonialen Peripherien in die Zentren, aber auch auf Reisen innerhalb Europas bzw. zwischen Europa und den ‚Neoeuropas‘ Nordamerika, Australien und Neuseeland lenken. Sie könnte auch eine Differenzierung der Frage nach den politisch-sozialen Netzwerken ermöglichen, in denen Reisen stattfanden. Wenn dabei deutlich wird, dass viele aus der Gruppe der politisch Reisenden sich in dicht geknüpften Netzwerken ihrer politischen Organisationen bewegten und damit in einer gewissen Weise immer auch ‚daheim‘ blieben und die Begegnung und den Kontakt mit dem Fremden vermieden, so könnte dies auch Rückwirkungen auf die Wahrnehmung anderer Reisender haben.(12) Nicht zuletzt gilt es auch zu fragen, welche Konstruktionen von europäischer Identität etwa des Geschlechts oder der Nation, welche Konstruktionen von whiteness politische Aktivist/inn/en auf ihren Reisen in Zirkulation brachten und auch zum (impliziten oder expliziten) Bestandteil nationaler und transnationaler politischer Bewegungen machten.

Damit ist bereits der zweite große Forschungskontext angesprochen, der hier adressiert werden soll, die theoretische und empirische Auseinandersetzung mit sozialen Bewegungen. Die Entwicklung der theoretischen Perspektiven ist für dieses Feld bereits wissenschaftsgeschichtlich eingeordnet und es liegt eine breit gefächerte Reflexion zur Leistungsfähigkeit und zu den Grenzen der einzelnen Ansätze vor.(13) Fragen, die in diesem Zusammenhang formuliert wurden, zielen insbesondere auf die Entstehung sozialer Bewegungen, die je nach Perspektive auf spontanes, auch nicht-rationales kollektives Verhalten oder auf rationale Strategien der Mobilisierung von Ressourcen für ein politisches Ziel, auf die institutionellen Rahmenbedingungen eines Gemeinwesens (die politischen Gelegenheitsstrukturen) oder aber auf das Vorhandensein spezifischer kollektiver Deutungsmuster (frames) zur Mobilisierung von Protest zurückgeführt werden. Schließlich haben Ansätze, die sich mit ‚neuen‘ (nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen) sozialen Bewegungen auseinandersetzen und die abnehmende Relevanz von Klassenstrukturen ebenso hervorheben wie die Bedeutung von Emotionen und Identitätsbildungsprozessen, auch Rückwirkungen auf die Interpretation der ‚alten‘ sozialen Bewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehabt.(14) In unterschiedlicher Weise stellen die verschiedenen Ansätze darüber hinaus Fragen nach den Akteur/inn/en – wer beteiligt sich, wer bleibt in den Bewegungen, was denken die unterschiedlichen Beteiligten –, aber auch nach den Organisationsformen und Handlungsmustern: wie sind Bewegungen organisiert, was hält sie stabil, was tun sie, welche Konzepte transportieren sie, welche Veränderungen bewirken sie, wie werden sie von Staat und Medien beeinflusst und warum schließlich vergehen soziale Bewegungen wieder?(15)

Die Verbindung zwischen den Ansätzen der Reiseforschung und jenen der Forschung zu sozialen Bewegungen wurde bisher nur selten hergestellt.(16) Gleichwohl glauben wir, dass hier ein großes Potential zur Formulierung fruchtbarer Forschungsfragen
liegt. Begreift man die erleichterten Möglichkeiten des Reisens als eine historische Gelegenheitsstruktur und versteht Praktiken des Reisens sowohl als Modus des Transfers von Aktionsformen, Deutungsmustern und Konzepten innerhalb und zwischen Bewegungen als auch als Strategie der Bildung von Netzwerken und ‚Wir‘-Identitäten, können eine Reihe von Fragestellungen der Reiseforschung für die Analyse sozialer Bewegungen fruchtbar gemacht werden. Dies betrifft die Auseinandersetzung mit ihren Entstehensbedingungen ebenso wie Fragen nach den Akteur/inn/en, nach Deutungsmustern und nach Aktionsformen. Darüber hinaus wirft die Verknüpfung der Perspektiven auch Licht auf politische Reisepraktiken, die über die Analyse politischer Bewegungen hinausweisen und damit Kontextualisierungen und Vergleiche ermöglichen. Dabei geraten zum Beispiel individuelle Akteur/inn/en ins Blickfeld, die am Rande oder in Korrespondenz mit politischen Bewegungen unterwegs waren, aber auch politische Reisen, die in staatlichen Kontexten Formen der Bewegung aufrechterhalten oder simulieren. Eine Reihe von Anknüpfungspunkten ergibt sich darüber hinaus zu einem relativ neuen Forschungsfeld der Reiseforschung, zur Auseinandersetzung mit dem boomenden Tourismus an Orte politischer Katastrophen und Verbrechen.(17)

In einem ersten systematischen Zugriff lassen sich drei idealtypische Formen der politischen Reise (unter der hier explizit nicht die diplomatische Reise im staatlichen Kontext verstanden werden soll) unterscheiden. Als erste sind dabei die Agitationsreisen zu nennen. Sie zielen auf die Gewinnung neuer Anhänger/innen abseits der Zentralen einer Bewegung und auf die Mobilisierung des Engagements jener, die ihr bereits angehören. Sie demonstrieren die Dynamik und die Reichweite von Bewegungen, was immer sonst die Auswirkungen dieser Reisepraktiken auf das Publikum sind. Das Engagement des Agitators/ der Agitatorin wird durch die aufgewandte Zeit und Mühe ebenso vorgeführt wie die zurückgelegten Entfernungen und die durchquerten Räume das Potential zum Transport von Ideen in neue Umgebungen nachweisen sollen.

Als eine zweite Form der politischen Reise wollen wir Erkundungstouren und Studienreisen nennen. In diesem Fall ist das Ziel, entweder Mobilisierungspotentiale zu erheben oder Einsichten über politische Modelle, Experimente oder Kampagnen an anderen Orten zu gewinnen, um die daraus gezogenen Lehren zuhause anzuwenden. Solche Reisen können der Recherche und Informationsgewinnung im unmittelbaren Sinn gelten oder als ‚Pilgerreisen‘(18) in ein ‚gelobtes Land‘ verstanden werden – als solche wurden etwa die Fahrten sozialistischer Sympathisant/inn/en durch die Sowjetunion vielfach wahrgenommen.(19) Recherchen über die besuchten Orte und Regionen können nicht nur mit Agitationsreisen verknüpft werden, sie können sich auch mit einer dritten Form der politischen Reise überschneiden, mit Gruppenreisen, die einer politischen Agenda folgen, die von Vereinen und Reiseagenturen oder aber von politischen Regimes organisiert werden, um das verbreitete Interesse am Reisen in politisch erwünschte Kanäle zu lenken.(20) Solidaritätstourismus, durch den die Reisenden mit ihrer Anwesenheit ihre Unterstützung für eine Bewegung oder ein Regime zeigen, fallen ebenso darunter wie Gedenktouren zu Schlachtfeldern, Ruinen oder zu Orten, an denen Kriegsverbrechen oder Massaker stattgefunden haben.(21) Auch patriotische Pilgerfahrten in umkämpfte Grenzregionen, Touren in den Kolonien, die die Reisenden für die koloniale Idee begeistern sollten, oder Reisen, die Gruppensolidarität oder andere Formen transnationaler Identität befördern sollen, können dazu gezählt werden.(22)

Eine Vielzahl von Fragen können im Hinblick auf die hier genannten Reisen gestellt werden. Sie betreffen die Motive der Reisenden, wenn es etwa zu untersuchen gilt, welche politischen, machtstrategischen oder ökonomischen Interessen sie mit den Reisen verbanden, oder ob eine deklarierte politische Agenda dazu diente, Formen des Eskapismus, Wünsche nach Abenteuer und Vergnügen, nach dem Zusammentreffen mit dem ‚Exotischen‘ zu maskieren. Gefragt werden kann aber auch, wie die Begegnungen mit unbekannten Orten und anderen Menschen vor sich gingen, welche Dynamiken diese Kontaktaufnahmen bewegten, was die
Kommunikation vorantrieb oder verhinderte, wer oder was dadurch allenfalls verändert wurde und welche Formen der Repräsentation dieser Begegnungen gefunden wurden. Ebenso wirft die Auseinandersetzung mit politisch Reisenden, mit den Motiven und Umständen ihrer Reisen aber auch Fragen nach Herrschaftsverhältnissen, nach Macht und Unterordnung, nach Marginalisierung und Ausschlüssen auf, wie sie in den Begegnungen zwischen Reisenden und Ortsansässigen zum Tragen kamen. Angesprochen sind damit auch Hierarchien von Ethnizität, ‚Rasse‘ und Geschlecht, wenn es etwa darum ging, wer reisen konnte, wer einbezogen und wer ausgegrenzt wurde. Wahrnehmungen von Heimat- und Grenzland, von Zentrum und Peripherie, von ‚Fortschrittlichkeit‘ und ‚Rückständigkeit‘ bestimmten schließlich nicht nur Reiserouten, sondern auch die Erwartungshaltungen und Richtungen des Ideentransfers.

Diese und ähnliche Fragen haben uns bewegt, als wir die Autorinnen und Autoren dieses Bandes eingeladen haben, sich ausgehend von ihren eigenen Forschungen Gedanken über das Verhältnis zwischen politischem Engagement und Reisepraktiken zu machen und spezifische Formen und Wirkungen der Verbreitung politischer Ideen durch Reisen zu thematisieren. Unter den Fragestellungen, die wir zur Untersuchung vorschlugen, waren unter anderem die folgenden: Welche Funktionen haben Reisen für Entwicklung und Charakter politischer Bewegungen? Wie werden politische Ideen durch Reisen vermittelt, ausgetauscht und
verbreitet? Inwiefern formieren spezifische Praktiken der Reise den Charakter von Bewegungen und erhalten den Bewegungscharakter auch unter veränderten Bedingungen aufrecht? Welche Bedeutung haben Reisen für die auto/biographischen
Entwürfe der Akteure und Akteurinnen? Welche Formen der Politisierung und der Herstellung neuer sozialer Kontexte lassen sich zeigen? Welche Wahrnehmungsverschiebungen verbinden sich mit Reisen? Wie verändert sich der Blick auf den ‚eigenen‘ und den ‚anderen‘ Ort? Mit welchen Deutungsmustern werden spezifische soziale und politische Milieus interpretiert? Welche Konstruktionen und Rekonstruktionen der eigenen ‚politischen Heimat‘ finden dabei statt? Festzuhalten gilt, dass die so adressierten Kolleg/inn/en ihren Ausgangspunkt durchwegs in der Auseinandersetzung mit politischen Akteuren und Akteurinnen und ihren Bewegungen hatten. Die Anregung, sich mit der Bedeutung von Reisen in diesem Zusammenhang auseinanderzusetzen und so einen neuen Blick auf schon länger bearbeitete Zusammenhänge und Quellen zu richten, kam für die meisten von ihnen von Seiten der Herausgeberinnen – umso mehr freuen wir uns, dass alle bereit waren, dieses Abenteuer zu unternehmen und uns in ein ‚unbekanntes Land‘ zu folgen.

Die ersten Beiträge in diesem Heft greifen chronologisch am weitesten zurück und befassen sich mit Reisen am Ende des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag von feministischen, sozialistischen und gewerkschaftlichen Bewegungen. Dabei geht es sowohl um die Bedeutung des Reisens für die Individuen und Gruppen, die auf die Reise gingen, als auch um das, was sie aus ihrer Reise machten und ob sie dadurch verändert wurden. Es geht aber auch um die Funktion von Reisen für den Transfer oder Austausch von Ideologien und Strategien, bzw. den Versuch, die Reichweite und Stärke von Bewegungen und Kampagnen auf internationaler Ebene auszudehnen.

Johanna Gehmacher untersucht die USA-Reise einer jungen Aktivistin der Frauenbewegung im Jahr 1893 als Wendepunkt ihrer Biographie. Der aus Danzig stammenden Lehrerin Käthe Schirmacher erschienen die USA als ein Ort der erhofften Zukunft, wo moderne Frauen zu ihrem Recht kamen und wo sie selber als gebildete (weiße) Frau erste Anerkennung und ein neues  Selbstbewusstsein erlebte. Ihre Auftritte beim World’s Congress of Representative Women in Chicago bildeten den Auftakt ihrer lebenslangen Karriere als reisende Publizistin. Zurück in Europa etablierte sie sich aufgrund ihrer internationalen Erfahrungen mit Erfolg als Vortragsreisende und Journalistin, zunächst in der Frauenbewegung und später als völkischdeutschnationale Politikerin.

Auch in Karen Hunts Beitrag steht eine reisende Politikerin im Mittelpunkt, Dora Montefiore, die als Frauenstimmrechtsaktivistin und Sozialistin, später Kommunistin, in einer langen politischen Karriere im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine politische Heimat in der ‚radikalen Diaspora‘ fand. Durch ihre Reisen fand Montefiore Anschluss an Netzwerke in Europa, Australien, den USA und Südafrika und versuchte, wichtige Kampagnen und Strategien für ein internationales Publikum nutzbar zu machen. Während des Ersten Weltkrieges und mit der Spaltung der Arbeiterbewegung erlebte sie aber auch Hindernisse und Einschränkungen ihrer Bewegungsräume, die ihren Traum von einer ‚roten Internationale‘ zunehmend brüchig werden ließen.

Für Schirmacher und die nur wenig später ihre Reisetätigkeit aufnehmende Montefiore bildeten ihre Reisen positive Schlüsselerfahrungen in ihren politischen Biographien. Dagegen werden in Karl Christian Führers Beitrag zwei Amerikareisen der prominenten deutschen Sozialisten Karl Liebknecht und Carl Legien untersucht, die scheinbar nur begrenzten Eindruck bei den beiden Reisenden hinterließen. Liebknecht und Legien, Vertreter entgegengesetzter Richtungen in der deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, waren sich auffallend einig in ihren negativen Reaktionen auf die USA. Beide versperrten sich gegen Reiseerfahrungen, die ihre feststehenden Vorurteile über das dortige politische und wirtschaftliche System gestört hätten; allerdings führten ihre Amerikareisen zum Teil zu neuen Sichtweisen auf ihr Heimatland.

Die internationalen Beziehungen der europäischen Gewerkschaftsbewegung bilden den Fokus des Beitrags von Willy Buschak, der die 1920er Jahre als die Zeit der ersten Begegnungen zwischen Vertretern und Vertreterinnen europäischer Gewerkschaften und den gerade erst entstehenden Gewerkschaftsbewegungen in außereuropäischen Ländern darstellt. Im Mittelpunkt seines Beitrags stehen die Reise einer deutsch-englischen Delegation der Internationalen Vereinigung der Textilarbeiter nach Indien im Winter 1926/1927 und die unterschiedlichen Reaktionen der englischen Gewerkschaftsvertreter und der weniger eurozentrisch denkenden
deutschen Delegierten auf die Lebenszustände der indischen Arbeiterschaft, auf die Unabhängigkeitsbewegung, wie auch auf das Wirtschaftspotential Indiens als zukünftige Industriemacht.

In den beiden folgenden Beiträgen verlagert sich der Fokus weg von ozeanüberquerenden und transkontinentalen Reisen im Namen des Internationalismus hin zu Reisen innerhalb Europas in der Zwischenkriegszeit im Kontext von umstrittenen Grenzen und nationalen Ressentiments. Pieter Judson zeigt in seinem Beitrag zuerst die Funktion des ‚nationalbewussten‘ Reisens für die Stärkung nationaler Identitäten innerhalb der Habsburgermonarchie vor dem Ersten Weltkrieg. Er fragt dann nach der veränderten Bedeutung organisierter Reisen für die deutschnationale Bewegung in Österreich nach dem Zusammenbruch der Monarchie und untersucht an drei Beispielen von Reiseberichten aus der Zwischenkriegszeit die Versuche, den Grenzlandtourismus als Instrument eines neuen, an Deutschland orientierten Nationalismus einzusetzen.

Auch Elizabeth Harvey untersucht die Praxis des Reisens als Mittel zur Verbreitung der Idee eines grenzübergreifenden deutschen ‚Volkstums‘ in Europa nach dem Ersten Weltkrieg und den Pariser Vororteverträgen. Der Fokus ihres Beitrags liegt auf den organisierten Reisen von nationalsozialistischen Studenten und Studentinnen nach Rumänien und Yugoslawien in den Jahren 1933–1939. Sie fragt nach der Bedeutung dieser Reisen für den Zusammenhalt und die Dynamik der nationalsozialistischen Bewegung an den Universitäten, nach den unterschiedlichen Rollen, die in der studentischen ‚Grenz- und Auslandsarbeit‘ für Männer und Frauen vorgesehen und möglich waren, und nach dem Stellenwert von Reisen und Mobilität für die reichsdeutschen Besucher/innen und für die deutschsprachigen Minderheiten in beiden Ländern, die als Zielgruppe der studentischen ‚Mission‘ gedacht waren.

Hanna Hackers Beitrag untersucht die China-Reise von fünf französischen Intellektuellen, die zum engeren Kreis der damals maoistisch orientierten Avantgarde- Zeitschrift Tel Quel gehörten, im Jahr 1974. Die umfangreichen Berichte und Kommentare der Gruppe über ihren Aufenthalt in China werden hier als Reisetexte analysiert und auf verschiedene Weise neu kontextualisiert. Der Beitrag fokussiert auf Fragen, die in den bisherigen Auseinandersetzungen mit dieser Reise weitgehend vernachlässigt wurden. Dabei werden nicht nur die konkreten Kontexte einer vielzitierten Szene des ‚ersten Kontaktes‘ mit den Blicken der ‚Anderen‘ thematisiert. Hacker diskutiert auch Julia Kristevas Buch über Frauen in China in seinen Korrespondenzen mit anderen feministischen Reiseberichten und fragt schließlich nach Repräsentationen von Homosexualität in den Reiseberichten der Tel Quel-Gruppe aus China.

Beide Forumsbeiträge befassen sich mit Themen aus der Zwischenkriegszeit und knüpfen zum einen mit Fragen der Sozialpolitik an die Beiträge von Führer und Buschak zu Themen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung an, zum anderen werden mit einer weiteren Indienreise nochmals post/koloniale Kontexte angesprochen. Verena Pawlowsky und Harald Wendelin untersuchen die internationalen Kontakte und Netzwerke der Kriegsopfervereine und verweisen auf das Paradoxon, dass die Kriegsversehrten, die als Gruppe kaum als mobil galten, zumindest auf Funktionärsebene sehr mobil und international vernetzt waren. Reisen hatten zum einen Bedeutung als Kommunikationsform der Vertreter der Kriegsopfer, die sich international organisierten und bei Treffen und Tagungen für Frieden und Völkerverständigung warben. Zum anderen aber erlangten Erholungs- und Ferienreisen, die für die Kriegsversehrten zum Zeichen ihrer vollen Teilnahme an der Gesellschaft wurden, hohen symbolischen Wert.

Birgit Langs Beitrag analysiert die Entstehung eines Reisetextes, in dem Netzwerkstrategien einer jungen und politisch bedrohten Wissenschaft ebenso deutlich werden wie die Auseinandersetzung eines europäischen Intellektuellen mit einer antikolonialen Bewegung. 1933, am Beginn seines Exils aus dem nationalsozialistischen Deutschland, publizierte der Gründer des Berliner Instituts für Sexualwissenschaften Magnus Hirschfeld Die Weltreise eines Sexualforschers. Der Beitrag fokussiert auf Hirschfelds Begegnung mit Indien und thematisiert seine Reaktionen auf Phänomene wie jenes der Kinderehe im Vergleich mit dem sehr kritischen
Indienbild der amerikanischen Sozialreformerin und Journalistin Katherine Mayo. Hirschfelds Affinität zu Indien und Angehörigen indischer Eliten, die er über die Netzwerke der internationalen Sexualwissenschaft kannte, gehen ebenso aus seinem Reisebericht hervor wie die Ambivalenzen seiner Position als Europäer im kolonialen Kontext.

Zuletzt möchten wir an dieser Stelle als Herausgeberinnen allen Reviewern und Reviewerinnen für ihre Kritik und ihre Anregungen bei der Vorbereitung dieses Bandes herzlich danken.

Johanna Gehmacher/Wien
Elizabeth Harvey/Nottingham

Anmerkungen

(1) Hans Erich Bödeker u.a., Einleitung: Reisen als kulturelle Praxis, in: Arnd Bauerkämper u. a., Hg., Die Welt erfahren. Reisen als kulturelle Begegnung von 1780 bis heute, Frankfurt am Main/New York 2004, 9–29.
(2) Vgl. z.B. Glenn Hooper/Tim Youngs, Hg., Perspectives on Travel Writing, Aldershot/Burlington 2004; Anne Fuchs/Theo Harden, Hg., Reisen im Diskurs. Modelle der literarischen Fremderfahrung von den Pilgerberichten bis zur Postmoderne, Heidelberg 1995.
(3) So etwa das Interesse an reisenden Frauen in der Frauen- und Geschlechtergeschichte oder die Thematisierung
der Praktiken osteuropäischer (häufig jüdischer) Reisender. Vgl. z.B. Gabriele Habinger, Frauen reisen in die Fremde. Diskurse und Repräsentationen von reisenden Europäerinnen im 19.und beginnenden 20. Jahrhundert. Wien 2006; Desanka Schwara, Unterwegs. Reiseerfahrung zwischen Heimat und Fremde in der Neuzeit, Göttingen 2007.
(4) Deutlich wird dies etwa bei Alba Amoia/Bettina L. Knapp, Hg., Great Women Travel Writers. From 1750 to the Present, New York/London 2005.
(5) Z.B. Eric Leed, The Mind of the Traveller. From Gilgamesh to Global Tourism, New York 1991; Stefanie Ohnesorg, Mit Kompaß, Kutsche und Kamel. (Rück-)Einbindung der Frau in die Geschichte des Reisens und der Reiseliteratur, St. Ingbert 1996.
(6) Dass die in dieser Epoche entwickelte Form des Reisens im 20. Jahrhundert zu einem Ende gekommen sei, haben aus sehr unterschiedlicher Perspektive der Anthropologe Claude Levi-Strauss und der Philosoph Paul Virilio postuliert. Vgl. Claude Levi-Strauss, Traurige Tropen, Frankfurt am Main 1978; Paul Virilio, Fahren, fahren, fahren… Berlin 1978.
(7) Vgl. z.B. Sara Mills, Discourses of Difference. An Analysis of Women’s Travel Writing and Colonialism, London/New York 1991; Ulla Siebert, Grenzlinien. Selbstrepräsentationen von Frauen in Reisetexten 1871 bis 1914, Münster u.a. 1998; Natascha Ueckmann, Frauen und Orientalismus. Reisetexte französischsprachiger Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart/Weimar 2001;
Hagen Schulz-Forberg, Hg., Unravelling Civilisation. European Travel and Travel Writing, Brussels u.a. 2005.
(8) Mary Louise Pratt, Imperial Eyes. Travel Writing and Transculturation, London/New York 1992.
(9) Vgl. z.B. Rüdiger Hachtmann, Tourismus-Geschichte, Göttingen 2007; Shelley Baranowski/Ellen Furlough, Hg., Being Elswhere. Tourism, Consumer Culture, and Identity in Modern Europe and North America, Ann Arbor 2001.
(10) Vgl. z.B. Orvar Löfgren, Know Your Country: A Comparative Perspective on Tourism and Nation Building in Sweden, in: Baranowski/Furlough, Being Elswhere, 137–154.
(11) Gerlinde Irmscher, Rezension zu: Rüdiger Hachtmann,: Tourismus-Geschichte. Göttingen 2007, in: H-Soz-u-Kult, 22.11.2007, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-149 (24.09.2010).
(12) Für eine frühe Formulierung der These von den immer in ihrer „Wohnstube“ bleibenden Reisenden vgl. Christina von Braun, Der Einbruch der Wohnstube in die Fremde, in: dies., Die schamlose Schönheit des Vergangenen. Zum Verhältnis von Geschlecht und Geschichte, Frankfurt am Main 1989, 15–35.
(13) Vgl. z.B. Jeff Goodwin/James M. Jasper, Hg., The Social Movements Reader: Cases and Concepts, Malden/Oxford 2003; Donatella Della Porta/Mario Dini, Social Movements. An Introduction, Malden/Oxford 1999; Dieter Rucht/Friedhelm Neidhardt, Soziale Bewegungen und kollektive Aktionen, in: Hans Joas, Hg., Lehrbuch der Soziologie, Frankfurt am Main 2003.
(14) Für einen konzisen Überblick: Mark Herkenrath, Die Globalisierung der sozialen Bewegungen [Arbeitstitel], Habilitationsschrift Zürich 2009, http://www.suz.uzh.ch/herkenrath/lehre/Herkenrath2009Kap3.pdf (24. 09.2010).
(15) Goodwin/Jasper, Social Movements.
(16) Für rezente Beispiele vgl. Dietlind Hüchtker, Frauen und Männer reisen. Geschlechtsspezifische Perspektiven von Reformpolitik in Berichten über Galizien um 1900, in: Arnd Bauerkämper u. a., Hg., Die Welt erfahren. Reisen als kulturelle Begegnung von 1780 bis heute, Frankfurt am Main/New York 2004, 375–39; Joan Sangster, Political Tourism, Writing and Communication: Transnational
Connections of Women on the Left, 1920–1940, in: Pernilla Jonsson u.a., Hg., Crossing Boundaries: Women’s Organizing in Europe and the Americas, Uppsala 2007, 95–116. Literarische Texte eines ‚politischen Tourismus‘ thematisiert Maureen Moynagh, Political Tourism and its Texts, Toronto 2008.
(17) Richard Sharpley/Philip R. Stone, Hg. The Darker Side of Travel. Theory and Practice of Dark Tourism, Bristol 2009.
(18) Pejorativ gebraucht diesen Topos Paul Hollander, Political Pilgrims. Western Intellectuals in Search of the Good Society, New York 1981.
(19) Vgl. z.B. John McNair, Visiting the Future: Australian (Fellow) Travellers in Soviet Russia, in: Australian Journal of Politics and History 46/4 (December 2000), 463 ff; on African American intellectuals and their visits to the Soviet Union, see Kate Baldwin, Beyond the Color Line and the Iron Curtain: Reading Encounters between Black and Red, 1922–1963, Durham/London 2002.
(20) Für Beispiele solcher Gruppenreisen in Osteuropa und im sowjetischen Einflussbereich vgl. Anne E. Gorsuch and Diane P. Koenker, Hg., Turizm. The Russian and East European Tourist under Capitalism and Socialism, Ithaca/London 2006.
(21) A. V. Seaton, War and Thanatourism: Waterloo 1815–1914, in: Annals of Tourism Research 26/1 (1999), 130–158; David Lloyd, Battlefield Tourism: Pilgrimage and Commemoration of the Great War in Britain, Australia and Canada, 1919–1939, New York/Oxford 1998; Jonathan Huener, Antifascist Pilgrimage and Rehabilitation at Auschwitz: The Political Tourism of Aktion Sühnezeichen and Sozialistische Jugend, in: German Studies Review 24/3 (2001), 413–522; Peter Bishop, To Witness and Remember: Mapping Reconciliation Travel, in: Julia Kuehn/Paul Smethurst, Hg., Travel Writing, Form and Empire: The Poetics and Politics of Mobility, New York/London 2009, 180–211.
(22) Balázs Ablonczy, Promoting Tourism: Hungarian Nation-Building Policies in Northern Transylvania, in: Hungarian Studies Review 36/1–2 (2009), 39–63; R. J. B. Bosworth, The Touring Club Italiano and the Nationalization of the Italian Bourgeoisie, European History Quarterly 27/3 (1997), 371–410; Ellen Furlough, Une leçon des choses: Tourism, Empire and the Nation in Interwar France, in:
French Historical Studies 25/3 (2002), 441–473; Christine Collette, ‚Friendly Spirit, Comradeship, and Good-Natured Fun‘: Adventures in Socialist Internationalism, in: International Review of Social History 48 (2003), 225–255.
 

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