Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 21. Jg., Heft 1, 2010

Geschlecht - Wissen - Geschichte

Geht es um das Geschlecht, ist jeder und jede Experte und Expertin. Fast scheint es eine anthropologische Konstante, dass Menschen sich ihrer Geschlechtlichkeit bewusst sind, sich darüber definieren und die Wahrhaftigkeit dieser je subjektiven Erkenntnisse und Erfahrungen auf alles Andere übertragen, ‚es‘ zu haben und genau zu wissen, was das ist: ein Geschlecht. Den Rahmen dafür bilden neben den individuellen Identitäten vor allem gesellschaftliche Zuweisungen, die mit Geschlecht verbunden sind und darüber transportiert werden. Dass es sich bei den verschiedenen Eindeutigkeiten im Wissen über Geschlecht um soziale Konstruktionen handelt, hat die Frauen- und Geschlechterforschung der letzten Jahrzehnte in vielfältiger Weise gezeigt: Sie untersuchte und analysierte Wissen über Geschlecht, das sich in unterschiedlichen historischen und sozialen Kontexten durchzusetzen versuchte und sich zum Teil auch durchsetzen konnte.

In den letzten Jahren ist in der sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlich orientierten Frauen- und Geschlechterforschung ein Boom rund um das Themenfeld „Wissen und Geschlecht“ zu beobachten, der in den Traditionen von Wissenssozio­logie und Diskurstheorie steht. Einerseits fokussieren Untersuchungen über die Wechselbeziehungen von Wissens- und Geschlechterordnungen auf die geschlechtlichen Codierungen von wissenschaftlichen Wissensformationen. Andererseits rücken neben wissenschaftlichem Wissen auch breitere soziale Wissensbestände über Geschlecht in den Blick. Dadurch erfährt die Auseinandersetzung um „Wissen und Geschlecht“ eine Differenzierung in verschiedene Formen und Kontexte von Wissen und Wissensproduktion: Mit je spezifischen theoretischen Bezugspunkten wird nun etwa unterschieden zwischen „wissenschaftlichem“ und „alltagsweltlichem“ Geschlechter-Wissen, das ergänzt werden kann um ein „Gender-Expertenwissen“, oder zwischen „reflexivem“ und „vorreflexivem“ beziehungsweise „inkorporiertem“ Geschlechterwissen.

Der gemeinsame Bezugspunkt liegt in der sozialen Aussagekraft von Wissen, das als Begründungsmuster historische, soziale, ökonomische und politische Praktiken legitimiert, objektiviert und aufrechterhält. Vice versa stabilisiert und reproduziert soziales Handeln – in jeweils spezifischen historischen und sozialen Kontexten – die verschiedenen Wissensformen. Wissen über Geschlecht dient somit als sozial wirkmächtiges Ordnungsmuster.

Die explizite Nennung von Geschichte als dritten Begriff im Titel des Bandes betont die Notwendigkeit, Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten in Vergangenheit und Gegenwart sichtbar zu machen – auch im Themenfeld „Wissen und Geschlecht“.

Der vorliegende Band „Geschlecht – Wissen – Geschichte“ versammelt Perspektiven auf Geschlecht und Wissen inklusive der Wechselbeziehung zu und mit sozialen Praktiken in verschiedenen historischen und geografischen Kontexten. Die Beiträge widmen sich den Wissensfeldern Natur- und Technikwissenschaften, Arbeitswissenschaften, Geisteswissenschaften und soziale Bewegungen und untersuchen deren Akteurinnen und Akteure als Produzierende von Wissen. Gemeinsam ist ihnen der Befund, dass alles Wissen über Geschlecht und dessen historische Ausbildung sozial ausverhandelt wird und voller Paradoxien und Ambivalenzen ist.

Der Beitrag von Maximilian Schochow führt in das 17., 18. und 19. Jahrhundert in Europa. An medizinhistorischen Texten über Hermaphroditismus analysiert er den Diskurs der biologisch-anatomischen Geschlechtlichkeit. Er fragt, wie neue Sichtweisen produziert wurden und im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen in Körper, die als Hermaphroditen definiert wurden, – sonst erst als Phänomen des 20. Jahrhunderts rezipiert – die biologische Bedeutung von sex neu verhandelt und die duale Geschlechtsvorstellung der Moderne, also die Zweigeschlechtlichkeit, hergestellt wurde. Daher empfiehlt Schochow, die Gültigkeit des „Ein-Geschlecht-Modells“ von Thomas W. Laqueur für das 17. und 18. Jahrhundert neu zu diskutieren.

Die Figur des Hermaphroditen steht auch im Zentrum des Aufsatzes von Paola Ferruta über den Geschlechterdiskurs des Saint-Simonismus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Parallel zur Ausbildung der Dichotomie von Männlichkeit und Weiblichkeit in der bürgerlichen Moderne, die auch der Saint-Simonismus teilte, entstand das saint-simonistische Konstrukt der Androgynität. Die in die Figur des androgynen Hermaphroditen einfließende Mischung von naturwissenschaftlichen und religiösen Ideen bildet die Grundlage dafür, dass die saint-simonistische Bewegung die Gesetzmäßigkeiten des Dualismus in Geschlechterkonstruktionen in Frage stellte.

Als traditionell gilt gemeinhin die Verbindung von moderner Technik- und Maschinenentwicklung mit Männlichkeitsdiskursen, die – ein Kennzeichen der bürgerlichen Moderne – in Abgrenzung zu Naturvorstellungen und einer als weiblich konnotierten Natur funktioniert(e). Tanja Paulitz analysiert die Aushandlung dieser komplexen Zusammenhänge am Beispiel der ingenieurswissenschaftlichen Selbst- und Gegenstandsdefinition in Deutschland. Anhand von Kontroversen in der Zeitschrift Der Civilingenieur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zentraler Protagonisten der sich damals formierenden neuen Wissenschaft zeigt sie, dass und wie Maschinentheorien gleichzeitig und nachhaltig einerseits mit der Herausbildung des androzentrischen, also nur scheinbar geschlechtsneutralen Technik-Begriffs und andererseits mit spezifischen Männlichkeitskonnotationen von Technik als Beruf verwoben wurden.

Nach diesem technik- und naturwissenschaftlichen Fokus auf „Geschlecht – Wissen – Geschichte“ folgt ein Beitrag, der Fabriken und damit Räume mit Maschinen und an ihnen Arbeitende in den Blick nimmt. Karsten Uhl fragt, in welcher Weise die Arbeitswissenschaften in Deutschland im Lauf des 20. Jahrhunderts in die Formierung von Wissen über Fabriken und Wissen über den menschlichen Faktor der Produktion involviert waren und wie dies geschlechtsspezifisch formatiert wurde. Er zeigt, dass etwa die Rationalisierungsbestrebungen und Formen der Disziplinierung während der Weimarer Republik, Fragen der Fabrikraumgestaltung während der Herrschaft des Nationalsozialismus oder auch die Diskussion einer Humanisierung der Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland von sehr spezifischen Vorstellungen von Geschlecht bestimmt waren. Durch die Analyse des arbeitswissenschaftlichen Wissens und dessen geschlechtlicher Codierung gelingt es Uhl aufzuzeigen, wie die Arbeitswissenschaften die Geschlechterdifferenzen auf theo­retischer wie praktischer Ebene reproduzierten und neu legitimierten.

Vorrangig weibliche Akteurinnen, die Geschlechterwissen – konkret Wissen über die Geschlechtergruppe „Frau“ – zu formulieren versuchten, stehen im Zentrum der folgenden Aufsätze. In das Milieu der Frauenbewegung des deutschsprachigen Prag der 1920er Jahre führt der Beitrag von Stefan Benedik. Anhand der Veranstaltungsreihen von zwei deutschen Vereinen, dem Frauenfortschritt und dem Klub deutscher Künstlerinnen, macht er nachvollziehbar, wie hier Wissen erzeugt, verhandelt und verbreitet wurde. Er analysiert die geschlechtliche Codierung dieses Wissens im Kontext der zeitgenössischen Zuweisungen von Weiblichkeit und der in diesem Produktionsprozess involvierten Akteurinnen und Akteure. Der Beitragstitel enthält die Begriffe „Wort“ und „Tat“ – Synonyme für Theorie und Wissen einerseits und Praxis und Aktion andererseits –, deren Dualität Benedik durch die Einschreibung von Kommunikation und sozialer Praxis in dem von ihm verwendeten Wissensbegriff aufgehoben wissen will.

Auf das Zentrum der akademisch-institutionalisierten Wissensproduktion, die Universität, konzentriert sich der Aufsatz von Béatrice Ziegler und Silvia Bolliger. Die beiden Autorinnen analysieren die Themenauswahl der von Frauen verfassten historischen Dissertationen an der Universität Zürich von 1870 bis in die Gegenwart. Sie nehmen nicht gewürdigte Protagonistinnen in den Fokus und kontextualisieren sie und ihre Themen mit den jeweils vorgefundenen institutionellen Bedingungen sowie den inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der Disziplin. Die für die Autorinnen enttäuschende Bilanz der Quantität frauen- und geschlechtsspezifischer Dissertationsthemen setzen sie in Zusammenhang mit der fehlenden Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Zürich.

Franka Maubach diskutiert die Wechselbeziehungen zwischen praktisch-politischem und theoretisch-wissenschaftlichem Wissen. Als theoretische Hintergrundfolie dient ihr ein Verständnis von Geschlechterwissen, das eine Differenzierung von Wissen nach dessen jeweiligen Produktionskontexten vornimmt: Im Zentrum stehen Wissen über Geschlecht beziehungsweise „Weiblichkeit“ in der politischen Praxis der Neuen Frauenbewegung in Deutschland auf der einen und die wissenschaftliche Theoriebildung der deutschen historischen Frauenforschung auf der anderen Seite. An der NS-Frauengeschichtsforschung und am sogenannten Historikerinnenstreit der späten 1980er und frühen 1990er Jahre will Maubach zeigen, wie es um ein – konstruiertes – konsensuales Geschlechterwissen bestellt war, wie es von differenten politischen Ansichten und differenzierten Forschungsfragen fließend abgelöst wurde und diese Auseinandersetzungen (auch) die Analysemodelle der Geschlechterforschung durchdrangen.

Die Präsentation des Projekts „IMAGINE ME. Ein dialogisches Portrait“ der Künstlerin Angelika Böck beschließt den Band. Sie eröffnet neue Sichtweisen auf ein gegenwärtig gesellschaftspolitisch brisantes Thema: Wen sehen wir, wenn wir eine verschleierte Person betrachten? Ist es möglich, einem verhüllten Körper ein äußeres Erscheinungsbild und innere Eigenschaften einzuschreiben? Böck stellte diese Fragen jemenitischen Männern und Frauen und gestaltete das dazu Geäußerte – Imagination, Spiegelung, Projektion – in einer Installation, die im Deutschen Haus in Sana’a, Jemen, gezeigt wurde. Alle Beteiligten, auch die Künstlerin selbst, sind in diesem Projekt gleichzeitig Subjekt und Objekt, Gestaltete und Gestaltende, und machen die Verwobenheit von Vorstellung und Wahrnehmung deutlich.

Die Beiträge des Bandes zeigen die durch Ambivalenzen gekennzeichneten Beziehungen von Geschlecht und Wissen in je spezifischen historischen und kulturellen Kontexten. Wissen über Geschlecht war und ist stets fragil. Die hier präsentierten Forschungsergebnisse korrespondieren mit dem unauflösbaren Widerspruch, sich in der Frauen- und Geschlechterforschung auf unmögliche, aber unverzichtbare epistemische Referenzsubjekte zu beziehen: Frauen und Männer. Sich auf Uneindeutigkeiten einzulassen, sie analytisch zu fassen und produktiv zu wenden, ist konstituierender Bestandteil dieser Forschungsarbeiten. Wissen ist Macht, verhieß ein Leitspruch der Emanzipationsbewegungen der bürgerlichen Moderne. Auf die Geschlechterverhältnisse angewandt, bedeutet er, dass die darin eingeschriebenen und sich reproduzierenden Machtverhältnisse mittels ihrer Durchdringung durch Wissen zu antizipieren wären. Ein Anliegen, das, wenn auch immer wieder modifiziert, die Frauen- und Geschlechterforschung seit ihren Anfängen konstituiert und nach wie vor gültig ist.

Christina Altenstraßer / Linz
Gabriella Hauch / Linz

Termine

16.10.2019 18:30
Ort: Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, Bibliothek, Rechte Wienzeile 97, 1050 Wien
Einladung zur Buchpräsentation „Marie Jahoda – a second time on stage“

17.10.2019 19:30
Ort: Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Lister Meile 39, 30161 Hannover
Einladung zur Lesung: „In Verantwortung: Hans Modrow und der deutsche Umbruch 1989/90“

18.10.2019 19:00
Ort: Buchhandlung & Café Librería Utopía / radical bookstore vienna, Preysinggasse 26-28, 1150 Wien
Einladung zur Buchpräsentation: „Leo (Jonas Leib) Stern: Ein Leben für Solidarität, Freiheit und Frieden“

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