Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 19. Jg., Heft 1, 2008

Historische Migrationsforschung

Migration ist ein brisantes Thema politischer Debatten und journalistischer Berichterstattungen. Migration ist ebenso Gegenstand verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und -konzepte. Auch die historische Migrationsforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem ausdifferenzierten Forschungsbereich entwickelt. Sie liefert zumeist – in kritischer oder beratender Absicht – Daten und Informationen zu Entwicklungen von Migrationsprozessen. Im besten Fall kann sie sogar abseits von aktuellem Handlungsdruck differenzierte Sichtweisen entwickeln, Vorannahmen korrigieren und entmystifizieren. Allerdings gibt es Mythen und unbefragte common sense-Annahmen nicht nur »außerhalb« der Forschung. Auch manche forschungsleitenden Vorstellungen werden ohne Überprüfung oder gar gegen empirische Evidenz tradiert, beispielsweise die Annahme historisch stetig wachsender Migrationsraten, das Ausblenden von Möglichkeiten und Zwängen der Sesshaftigkeit, die Vernachlässigung von Ab- und Rückwanderungen und damit verbunden etwa die Begründung des Städtewachstums im 19. Jh. überwiegend durch Zuwanderung.

Die Beiträge des vorliegenden Heftes der ÖZG bemühen sich, die eigenen Zugangsweisen zu reflektieren und solche Selbstverständlichkeiten in der Forschung zu vergegenwärtigen. Dabei werden anhand konkreter Forschungsprojekte Potentiale, Erkenntnishindernisse und praktische Schwierigkeiten verschiedener Forschungszugänge und Konzepte diskutiert: der Zusammenhang vielfältiger Migrationsformen und -möglichkeiten (Annemarie Steidl), das Konzept der Kettenmigration (Jochen Krebber), der legitimatorische Charakter von Migrationsforschungen und ihr delegitimatorisches Potential (Michael G. Esch) sowie die Effekte, die Migration auf die Zurückbleibenden hat (Marita Krauss). Die Beiträge dieses Heftes formulieren dabei teils differierende Perspektiven, Fragen und Forschungsansätze. Sie verwenden unterschiedliche Quellen und Methoden zur Berichtigung bislang bestehender Vorannahmen und zur Spezifizierung der Aussagekraft von Hypothesen. Sie stimmen nicht in allen Schlussfolgerungen überein, doch ihnen ist gemeinsam, Konzepte nicht einfach anzuwenden, sondern zu verwenden, indem sie zugleich auch die Hürden und Schwierigkeiten, die den Konzepten jeweils eigen sind, reflektieren. In einem einleitenden Überblick formuliert die Herausgeberin einige zusammenfassende Überlegungen zu Möglichkeiten und Erkenntnishindernissen der Migrationsforschung.

Sigrid Wadauer (Wien)

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