Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 1. Jg, Heft 3, 1990

bürgerlich/links/intellektuell

Die ÖZG hat sich in ihrem Programm der Kommunikation zwischen den historischen Disziplinen verschrieben. Dieses Heft konfrontiert Zugänge einer diskursgeschichtlich verfahrenden Sozialgeschichte mit solchen einer sozialgeschichtlich orientierten Geistes- und Literaturgeschichte.

Die Wiener Sozialhistorikerin Ulrike Döcker untersucht in ihrem Beitrag die Konstruktion von Bürgerlichkeit, die ideologische Seite am säkularen Prozeß der Verbürgerlichung. Sie zeigt, wie schon im Niedergang der feudalen Gesellschaft die Handlungsprinzipien und Verhaltensideale einer ,bürgerlichen‘ Gesellschaft entwickelt werden. Keineswegs homogen oder gänzlich neu, sondern orientiert an der adeligen Höflichkeit, entsteht durch deren schrittweise Transformation ein Amalgam aus Courtoisie und aufgeklärter Vernunft, aus sozialem Kalkül und neuer Innerlichkeit. Dabei differenzieren sich die Verhaltensideale für die ,bürgerliche‘ Öffentlichkeit und ,bürgerliche‘ Privatheit wie auch für die Lebenssphären von Frauen und Männern. Wenn auch die komplementären "Geschlechtercharaktere" nicht neu erfunden werden, finden sie im Prozeß der Verbürgerlichung eine drastische Zuspitzung in der gesetzlich fixierten Benachteiligung von Frauen und ihrer intellektuellen Entmündigung, eine ideologische und soziale Entwicklung, die in der ,Krise der Moderne‘ ihre kulturellen und wissenschaftlichen Ausdrücke findet.

Der Pariser Germanist Jacques LeRider diskutiert im Gespräch mit Robert Fleck die zentralen Thesen seines eben in deutscher Übersetzung erschienenen Buches "Das Ende der Illusion". Er erklärt die von ihm an Texten der bürgerlichen ,Hochkultur‘ diagnostizierte "Krise der Moderne" aus dem Brüchigwerden jener Geschlechteridentitäten, die im Prozeß der Verbürgerlichung entstanden sind, und aus einer Identitätskrise der jüdischen Künstler und Intellektuellen angesichts des sich verschärfenden Antisemitismus. Diese Krisen der Identität hätten einerseits zur irrealen Ausflucht in politischen Antisemitismus, Nationalismus und Faschismus, andererseits zur Destruktion von ,bürgerlichen‘ Konventionen und zur Entwicklung eines Typs von Individuum geführt, dem Robert Musil den Namen "Mann ohne Eigenschaften" gegeben hat.

Alfred Pfabigan beleuchtet in seinem Beitrag die "Gegenwelt" des Austromarxismus. Dessen Intellektuelle sind allesamt Kinder des Bürgertums oder des Kleinbürgertums. Identifiziert mit den Idealen der bürgerlichen Revolution von 1848 und den Schöpfungen bürgerlicher Hochkultur, rezipieren sie den Marxismus nur zögernd und verkürzend. Maßgebliche Linksintellektuelle wie Max Adler begreifen den Sozialismus vor allem als eine "kulturelle Bewegung" , die primär darauf gerichtet ist, die Gesellschaft auf einem höheren kulturellen Niveau zu organisieren, wobei den Intellektuellen die Rolle von Erziehern des Volkes zugedacht wird. Erst wenn es gelungen sei, die Arbeiter auf das kulturelle Niveau des Bürgertums zu heben, sei das bürgerliche Projekt einer nationalen Gesellschaft abgeschlossen. So erweist sich die sozialdemokratische Kulturbewegung letztlich als eine Bewegung zur Assimilation an das zeitgenössische Bürgertum und dessen alte, in der Krise der Moderne verlorene Kulturideale. Zu den intellektuellen und künstlerischen Avantgarden hingegen hält sie ebenso Distanz wie zu den Resten einer "rebellischen Volkskultur".

Gerhard Botz beschreibt im zweiten Teil seiner Bestandsaufnahme Trends in der österreichischen Zeitgeschichte bis Mitte der 1980er Jahre. Hielt sie zunächst an ,alten‘ Arbeitsschwerpunkten wie Widerstands-, Arbeiterbewegungs- und Republikgeschichte und an traditionellen Methoden fest, so erfuhr die österreichische Historiographie zu Themenbereichen, die in der gegenwärtigen "Geschichtskultur" als besonders "heiß" gelten, doch allmählich eine thematische und methodische Erweiterung. Marxistische Theorien spielten dabei eine ambivalente Rolle. Eine grundlegende Erneuerung hat, Botz zufolge, jedoch nicht vor 1985 stattgefunden.

Im Forum antworten Erna Appelt und Albert F. Reiterer auf den provokanten Leserbrief eines emeritierten Geschichte-Professors, dem eine Frau als Professorin für Zeitgeschichte, und Antifaschistin zumal, unerträglich erscheint. Juliane Mikoletzky berichtet über die Megalomanie des letzten Welthistorikertags in Madrid, Ulrike Döcker über ihre Eindrücke von der Schlaininger Tagung zur jüdischen Welt im ehemals westungarischen Raum. Helmut Lackner besuchte für uns das neu eröffnete Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim.

Inhalte

Ulrike Döcker
Zur Konstruktion des ,bürgerlichen Menschen‘

Alfred Pfabigan
Das Konzept des austromarxistischen Intellektuellen

Gerhard Botz
„Eine neue Welt, warum nicht eine neue Geschichte?“ (2. Teil)

Jaques LeRider
Die Krise der Moderne

Erna Appelt/Albert F. Reiterer
Ein Dorn im Auge

Juliane Mikoletzky
Reisen bildet, sagt man …

Ulrike Döcker
Juden im Grenzraum

Helmut Lackner
Technik konkret

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