• Startseite

  • Kontakt

  • Impressum

Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
13. Jg., Heft 4, 2002

Agrarfragen

Herausgegeben von Erich Landsteiner und Ernst Langthaler

Editoral

»Bauern«, peasants, paysans - all diese Etiketten bezeichnen Konzepte, die Einzelnen und Gruppen bestimmte Orte zuschreiben. Solche Verortungen finden in unterschiedlichen, wechselseitig aufeinander bezogenen Räumen statt: im Raum der sozialen (Klassen-) Beziehungen ebenso wie im Raum der symbolischen (Identitäts-) Beziehungen. Erstere verweisen auf materielle und immaterielle Werte, die im Prozess von Produktion, Distribution und Konsumtion zwischen Akteurinnen transferiert werden; letztere sind daran geknüpft, welche Akteurinnen sich (nicht) als >Bauern< - hier als Chiffre für die derart adressierten Frauen und Männer verstanden - identifizieren oder als solche (nicht) identifiziert werden. Die sozialen und symbolischen Verortungen des >Bauern< wechseln mit zeit- und raumspezifischen Bedingungen des Denkens und Handelns. Das zeigen etwa die akademischen, in master narratives eingebetteten Debatten um die »Agrarfrage« (Karl Kautsky 1899) im deutschsprachigen Raum im 20. Jahrhundert: rechte Romantikerinnen sehen im >Bauern< die Verkörperung konservativer und nationaler Tugenden; rechte Modernisiererinnen betrachten ihn als unzeitgemäßes Relikt in der nivellierten Wohlstandsgesellschaft; linke ModernisiererInnen begreifen ihn als Auslaufmodell auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft; linke Romantikerinnen feiern ihn als eigensinnigen Widerpart bürokratischer und kapitalistischer Kolonialisierung. Mit dem Auf- und Abstieg solcher Diskurse stehen und fallen auch die damit verknüpften Konzepte des >Bauern<,

Vor diesem Hintergrund weitet sich der Gegenstand der historischen Sozial- und Kulturwissenschaften aus: Es geht nicht mehr ausschließlich darum, möglichst plausible Geschichten über >Bauern< zu erzählen; diese Erzählungen gewinnen nunmehr einen Gutteil ihrer Plausibilität daraus, dass sie die expliziten und impliziten Konzepte des >Bauern< selbst in Frage stellen. Solche reflexiven Bezüge billden ein gemeinsames Anliegen der AutorInnen dieses Heftes; die Strategien zu dessen Einlösung variieren nach den jeweiligen Wissenschaftskulturen. Michael Kearney und Michael J. Watts entwerfen aus Rückblicken auf die peasant studies, dem Brennpunkt der interdisziplinären Debatte über >Bauern< in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, unterschiedliche Zukunftsperspektiven: Michael Kearney, der sich seit Jahrzehnten mit ländlichen Migrantlnnen und deren Familien im mexikanisch-kalifornischen Grenzraum befasst, sieht im polybian das adäquate Konzept für eine, seinen Worten nach, global anthropology. Damit konzeptualisiert er die Überlebensstrategien und Identitäten von Personen, die in mehreren, unterschiedlichen Logiken folgenden Feldern agieren: Subsistenzproduktion auf eigenem Grund und Boden, Arbeitsmigration und Lohnarbeit in kommerzialisierten Agrarbetrieben, Kontraktlandwirtschaft für agroindustrielle Konzerne, informelle Dienstleistungen in den urbanen Zentren, Fertigung von Massenartikeln für die Tourismusindustrie, und so fort. Michael J. Watts hingegen erachtet das Konzept des simple commodity producers im Sinne einer kontradiktorischen Einheit von Arbeit und Kapital für flexibel genug, um die Vielfalt bäuerlicher Existenzweisen in der globalisierten Welt abzudecken. Er wendet sich gegen die >Neuerfindung< der Bauern als subalterne, hybride oder radikal neue kulturelle Identitäten und plädiert für eine Rückbesinnung auf Fragestellungen, die in der Tradition marxistischer Diskussionen um die >Agrarfrage< stehen. Die unterschiedlichen Standpunkte, die beide Autoren in ihren Hauptbeiträgen entwickeln, bieten Anlass für einen engagierten Dialog, der vom gemeinsamen Bemühen um Präzisierung, Differenzierung und Reflexivität getragen ist. Der letzte Hauptbeitrag thematisiert bäuerliche Akteurlnnen anderer Zeiten und Räume: Frank Konersmann untersucht die Wirtschaftsweise und die sozialen Verhältnisse großteils mennonitischer »Bauern-Kaufleute« in der Pfalz und Rheinhessen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Auch die Forumsbeiträge dieses Heftes beleuchten Aspekte bäuerlicher AkteurInnen, die bisher noch zur Gänze oder teilweise im Dunkeln gelegen sind: Erhard Chvojka zeigt an bürgerlich-städtischen Diskursen in der frühen Neuzeit über die >Rückständigkeit< bäuerlichen Zeitbewusstseins, dass dabei weniger die Mentalitäten der Beobachteten, als jene der auf Distinktion bedachten BeobachterInnen verhandelt wurden. Tobias Kies entdeckt an den »Salpeterern«, einer bäuerlichen Widerstandsbewegung gegen staatliche Disziplinierung in einer südwestdeutschen Region im 19. Jahrhundert, dass das Festhalten am scheinbar >Alten< auch eine Strategie zur Aneignung des >Neuen< darstellen konnte. Eva-Maria Stolberg rückt das Klischee von der Passivität der russischen Bauernschaft während der stalinistischen Zwangskollektivierung zurecht, indem sie deren aktive Rolle in den Auseinandersetzungen mit Staat und Partei betont. Gemengelagen von Traditionalität und Modernität kennzeichnen den ambivalenten Diskurs der ländlichen Frauenzeitschrift Donne rurali im Italien der fünfziger Jahre, den Luisa Tasca einer eindringlichen Analyse unterzieht. Wie der Beitrag von Gesine Gerhard über den Deutschen Bauernverband zeigt, gelang die Integration der potenziell systemoppositionellen Bauernschaft in das parlamentarisch-demokratische System der Bundesrepublik Deutschland - und damit die vorläufige >Lösung der deutschen Bauernfrage< - in den fünfziger Jahren über einen Mix aus >rückwärtsgewandter< Bauerntumsideologie und >fortschrittlicher<, auf den Mittel- und Großbetrieb ausgerichteter Agrarstrukturpolitik. Abschließend skizzieren Ernst Langthaler und Josef Redl, ausgehend von einem Tagungsbericht, gegenwärtige Tendenzen der Agrargeschichtsforschung im deutschsprachigen Raum. Das Ende dieses Heftes bildet Albert Müllers Nachruf auf Heinz von Foerster, der in diesem Jahr verstorben ist.

Erich Landsteiner / Wien
Ernst Langthaler / St. Pölten

Abstracts

  • Michael Kearney
    Transnational Migration from Oaxaca, the Agrarian Question and the Politics of Indigenous Peoples

    In den letzten Jahren hat die Migration indigener Bevölkerungsgruppen aus dem südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca nach Nordwestmexiko und in die USA stark zugenommen. Diese Migrationsbewegung hat zu tiefgreifenden Umgestaltungen in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik sowohl in den Ursprungsgemeinden als auch den überregionalen Netzwerken der Migranten geführt. Dadurch verändern sich auch die Klassenbeziehungen und kulturellen Identitäten der indigenen Bevölkerung sowie die ihnen korrespondierenden politischen Bewegungen. Dieser Beitrag untersucht die Auswirkungen dieser Migrationsbewegungen auf die >Agrarfrage< und das Denken über die indigene Bevölkerung Mexikos. Beide Belange werden im Kontext der transnationalen Gemeinschaften, die sich nunmehr von den entlegenen Gebieten Südmexikos bis in die USA und nach Kanada ausgebreitet haben, grundlegend neu gestaltet.

    [Top]
  • Michael J. Watts
    Chronicle of a Death Foretold: Some Thoughts on Peasants and the Agrarian Question

    Auch in der intellektuellen Diskussion über Bauern hat eine Verschiebung des Interesses von der politischen Ökonomie zur poststrukturalen Frage der Identität stattgefunden. Dies spiegelt die Entstehung neuer Formen der Politik und die wirtschaftliche (und diskursive) Globalisierung bäuerlicher Gemeinwesen wider. Anstatt aber die klassischen Fragen, die Karl Kautsky vor mehr als hundert Jahren aufgeworfen hat, gänzlich aufzugeben oder zu der noch älteren Erzählung vom >Tod des Bauern< zurückzukehren, erscheint es dem Autor wichtig darauf hinzuweisen, dass zwei unterschiedliche Prozesse im Gange sind: Zum einen erzeugt und zerstört das kapitalistische System kontinuierlich Räume, in denen Bauern als >einfache Warenproduzenten< existieren und verelenden können. Zum anderen sollten die neuen Formen politischer Praxis und die neuartigen Produktionsverhältnisse unter den Bedingungen der Globalisierung nicht als Anzeichen für die endgültige Eliminierung der Bauern als >einfache Warenproduzenten< interpretiert werden. Bauern sind aufgrund ihrer materiellen Existenzbedingungen nicht zu einer einzigen Form von politischer Praxis verdammt. Es scheint dem Autor nicht angemessen, Bauern in poststrukturalistischer Manier als subalterne, hybride oder grundlegend andere kulturelle Identitäten neu zu erfinden. Der Diskurs über sie sollte sich nicht von der Sprache des Anachronismus und der Auslöschung anstecken lassen.

    [Top]
  • Frank Konersmann
    Existenzbedingungen und Strategien protokapitalistischer Agrarproduzenten. Bauernkaufleute in der Pfalz und in Rheinhessen (1770-1860)

    In Germany research on the transformation of agriculture at the end of the Ancien Régime goes back to the beginning of economics in the last third of the 19th century. However, empirical case studies designed to illuminate precisely the concrete circumstances, local factors, and scopes of action of agricultural producers are scarce. Moreover, theoretical, and methodical considerations for the research on the origins and the course of agrarian capitalism are largely lacking. Some of these gaps are tackled in this article through the example of substantial farmers engaged in agricuhure, craft production, and trade in two Southwest Germany regions. In confessional terms the high percentage of Mennonites in this group is remarkable. Drawing on the examples of four Mennonite and one Lutheran families the ecological, legal, economic, social (familial) and confessional circumstances and the economic strategies of these >peasant-merchants< are analysed.

    [Top]

Zurück zur Übersicht

Termin

22.11.2017 Gisela Hormayr liest in Innsbruck (A) …weiterlesen

Ihre Vorteile: Lieferung frei Haus. Einfach auf Rechnung kaufen. Vorbestellen und jede Neuerscheinung am Erscheinungsdatum zugeschickt bekommen …mehr dazu