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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
22. Jg., Heft 2, 2011

Gesundheit und Geschlecht

Herausgegeben von Martin Dinges und Andreas Weigl

Editoral

Seit den 1970er Jahren thematisiert die feministische Medizinkritik den Zusammenhang von Medizin und Geschlecht. Öffentlich wurde dieser Zusammenhang vor allem durch Selbsthilfegruppen, die für eine selbstbestimmte Wiederaneignung des – als Gegensatz zum medikalisierten Körper konzeptualisierten – Leibes plädierten. In den Geschichtswissenschaften wurde der Prozess der Medikalisierung des weiblichen Körpers untersucht. Regierungsberichte zur gesundheitlichen Lage der Frauen griffen – so im Jahre 2002 in der Bundesrepublik Deutschland – Anregungen der Frauenbewegung auf. Sie konstatierten einen spezifischen Bedarf von
Frauen an medizinischer Versorgung.

In diesem Umfeld entstand Mitte der 1990er Jahre auch ein gewisses Interesse an spezifischen Aspekten der Gesundheit von Männern, das allerdings sehr viel weniger von einer gesellschaftlichen Bewegung getragen war. Der Wiener Männergesundheitsbericht von 1999 bleibt im deutschsprachigen Raum ein Markstein der gesundheitspolitischen Thematisierung. Ansonsten wurden Fragen der Gesundheit von Männern eher durch Kongresse wie den seit 2001 in Wien stattfindenden World Congress on Men’s Health popularisiert. Erst sechs Jahre nach dem Bericht der österreichischen Regierung legte eine private Stiftung auch in Deutschland einen Ersten deutschen Männergesundheitsbericht vor. Österreich hatte also, was das öffentliche Interesse an Männergesundheit betrifft, nicht nur im deutschsprachigen Raum eine Vorreiterrolle. Es freut uns deshalb, in der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften einen Band zum geschlechtsspezifischen Umgang mit Körper, Gesundheit und Krankheit vorzulegen, in dem auch Fragen der Männergesundheit thematisiert werden.

Martin Dinges rekonstruiert in seinem historischen Überblick zunächst die Entstehung von mehreren Paradigmen resp. Ansätzen der Sozialgeschichte der Medizin und der Gesundheit; danach greift er das in der Gender-Forschung seit einigen Jahren viel diskutierte Konzept der Intersektionalität auf. Er fragt nach dessen heuristischem Nutzen für die Analyse der geschlechtsspezifischen Verteilung von Gesundheitsressourcen wie der Fähigkeit, Körper und Krankheit zu thematisieren, sowie nach der Geschlechtsspezifität des Ernährungs- und Bewegungshandelns; er diskutiert auch die Frage, ob sich das Rauchen geschlechtsspezifisch ausgebildet hat und zuletzt geschlechtsneutral geworden ist. Als exemplarische Fälle  eschlechtsspezifischer Aneignung von Gesundheitsangeboten kommen die Inanspruchnahme von Ärzten und der Arzneimittelkonsum in den Blick. Die Veränderungen seit 1800 lassen sich, so die These, oft besser mit dem Lebensalter, den Handlungskontexten und dem Marktangebot als mit den drei Hauptkategorien des Intersektionalitäts-Konzepts (class, gender, race) erklären. Deshalb plädiert Dinges für eine Orientierung der Gesundheitsforschung am Konzept der Gesundheitslebensstile.

Erik O. Ründal untersucht das Thema männlicher Impotenz in der Frühen Neuzeit in diskursgeschichtlicher Perspektive. Sein Quellenkorpus umfasst Ehegerichtsakten, zeitgenössische dissertationes und disputationes. Er zeigt, wie sich die Wissensbestände
zur Impotenz in Aushandlungsprozessen zwischen Gelehrten, Theologen, Richtern und der Bevölkerung konstituierten.

Bettina Blessing greift die Frage nach den geschlechtsspezifischen Arzneimitteltherapien für das 18. Jahrhundert auf. Sie zeigt, dass in standardisierten Verordnungsskalen geschlechtsspezifische Aspekte durchaus berücksichtigt wurden. Anhand von Rezeptierbüchern belegt sie auch, dass vor der Medikalisierung des Körpers der Frau Männern wesentlich mehr Medikamente verschrieben wurden als Frauen.

Nicole Schweig untersucht geschlechtsspezifische Aspekte der Gesundheitsfürsorge bei Auswanderern in die USA während des 19. Jahrhunderts. Migranten und Migrantinnen waren aufgrund ihrer Berufstätigkeit und Familiensituation unterschiedlichen
Gesundheitsbelastungen ausgesetzt. Sie ergriffen aber auch verschiedene Maßnahmen und nützten Ressourcen und Unterstützungsnetzwerke, die für die Bewältigung von Krankheiten und für die Erhaltung der Gesundheit in unterschiedlichem
Maße hilfreich waren.

Andreas Weigl greift den Zusammenhang von Lebenserwartung und Geschlecht am Beispiel von Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Ausgehend von rezenten Befunden, die eine starke Überlagerung der sozialen Ungleichheit vor dem Tod durch geschlechtsspezifische Sterblichkeit belegen, untersucht er den Einfluss des Wandels der Berufswelt auf die sich öffnende Schere weiblicher und männlicher Lebenserwartung. Die Berufstätigkeit von Frauen in körperlich weniger aufreibenden Bürotätigkeiten nahm seit den 1920er Jahren stark zu, während Männer immer ausschließlicher an gesundheitsschädigenden Arbeitsplätzen blieben. Dies
und die stärker mit Stress belasteten Tätigkeiten von Männern in Verwaltungsberufen können, so die These, das in der Nachkriegszeit nicht gesunkene, sondern noch weiter anwachsende Sterblichkeitsdifferential erklären.

Ob Arbeit Männer im 20. Jahrhundert krank machte, untersucht Susanne Hoffmann anhand von 155 unveröffentlichten popularen deutschsprachigen Autobiographien mit der Methode einer Analyse von Alltagsdiskursen. Arbeit war für Männer und Frauen zentrales Thema autobiographischer Orientierung. Bei Arbeitsunfällen verstärkte männliches Risikoverhalten die Gesundheitsgefahren. Männer litten in ihren Arbeitswelten stärker unter Stress, Missachtung und Schikane. Als wesentlicher Belastungsfaktor kristallisiert sich der arbeitszentrierte Lebensstil von Männern heraus.

Christian-Michael Zottl
untersucht Versuche der Krankheitsprävention und der Heilung von Schwangeren, Wöchnerinnen und im Rahmen der Säuglings- und Kleinkinderpflege auf den frühmittelalterlichen britischen Inseln. Unter den gegebenen hygienischen Bedingungen waren Schwangere und Wöchnerinnen, Säuglinge und Kleinkinder von vielerlei gesundheitlichen und auch lebensgefährlichen Komplikationen bedroht. An den angelsächsischen Quellentexten und Grabungsfunden zeigt der Autor, dass eine Vielzahl an vorwiegend natürlichen Ressourcen, oft kombiniert mit magischen Ritualen, zur Prävention und Heilung eingesetzt wurde und ein reiches empirisches wie auch mythisches Wissen bestand.

Im Forum zeichnen wir die Diskussion zur Männergesundheit in den Sozialund Kulturwissenschaften während der letzten beiden Jahrzehnte nach. Wir hoffen, dass dieser Band weitere Forschungen zu einer gender-sensiblen Gesundheitsgeschichte anregen wird. Dabei sollten die Gesundheits-Praktiken der Subjekte und Kollektive unserer Meinung nach noch stärker als zuletzt in den Mittelpunkt rücken.

Martin Dinges / Stuttgart
Andreas Weigl / Wien

Abstracts

  • Martin Dinges
    Medizin- und gesundheitsgeschichtliche Paradigmen zur geschlechterspezifischen Ungleichheit seit ca. 1750: Von kontrastiv konzipierter Ungleichheit zu intersektional bestimmten Gesundheitsstilen?

    At first the author reconsiders the leading paradigms of the social history of medicine and health research during the last decades and their different ways to conceptualize gender: medicalization, the medical market place, patients’ history and health history. He then turns to the concept of intersectionality and applies it to central issues of a genderspecific history of health: He considers health resources: the genderspecific capacity to speak and write about the body, health and illness; nutrition; bodily movement and sports – and behavior such as smoking. He shows, how genderspecific attributions and the role of class have changed in various degrees during the last 200 years. Gender-specific appropriations of health services are analysed next. Attending a physician or using medications changed fundamentally around 1860: men who were more active in this field before 1860, were overtaken by women afterwards.
    In his conclusion the author argues that the concept of intersectionality does not consider variables such as the person’s position during the lifecycle, the sociocultural-context of the actors and supply and range of markets sufficiently. All three do heavily influence health behaviors in a long-term historical perspective. The author postulates to abandon the idea of a strong relation between class or gender with specific health statuses or behaviors. Instead he pleads for a more open and empirical research on how socio-cultural milieus and gendered health behaviors are linked through different healthy life-styles.
     

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  • Erik O. Ründal
    "daß seine Mannschaft gantz unvollkommen sey": Impotenz in der Frühen Neuzeit - Diskurse und Praktiken in Deutschland

    Many ways of how we think and live today developed in the early modern period. If we look at masculinity and impotence for example, we see a broad societal discourse, which includes for the first time lower classes. Additionally, independent scientific interest emerges that over time takes on more and more rational traits of medicine and civil law. Next to the files from the marriage courts these contemporary works belong to the most important sources in an inquiry into impotence in the early modern period. An overview on aspects, terms, and sources on impotence in world history is followed by the first quantitative analysis of early modern sources in scientific research. The practice of separation and the medical practice are delved into with examples from the 17th and 18th centuries. Thus, it can be shown that everyday life with and scientific disputes on the problem of impotence determined each other and also how this worked; not only scholars, theologians, and judges negotiated among themselves what the term impotence held for, but also the population took part in the discussions in different ways.

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  • Bettina Blessing
    Geschlechtsspezifische Arzneimitteltherapien im 18. Jahrhundert

    It is a widespread assumption that gender specific drug therapies only emerged at the end of the last century, but prescription manuals of the 18th and 19th centuries, some also of the early 20th century, prove this assumption to be wrong. Gender considerations did, in fact, play a part in the dosage of drugs since standardized prescription charts stipulated that dosages for women should be one third to one fifth lower than those for men. 18th century prescription books show moreover that more prescriptions were issued for men than for women. The specific anthropology of women developed in the latter half of the 18th century that portrayed women as weak and sickly did not result in more women than men consulting academically qualified physicians and receiving prescriptions. The prescription practice as presented in this pilot study thus differs significantly from the situation today. It was not due to “anthropological constants” or even “genetic behaviour coding” but above all to the habits of physicians and related financing models.

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  • Nicole Schweig
    Gesundheitsfürsorge bei deutschen Auswanderinnen und Auswanderern in die USA

    At the beginning of the 19th century a strong migration wave from German territories to the US began. Bad economic conditions and the entire lack of prospects for the future were common, but the individual motifs and reasons of the emigrants were manifold, though. Men and women emigrated under different circumstances. Some were individuals who set out on their own, others travelled in groups starting from a certain village or town in Germany. After arriving in the US, the emigrants stayed in close contact and created ethnic communities. In their letters home they convinced some of their relatives to follow them; ‘chain migration’ came under way. Individuals and families already living in the US welcomed newly arrived relatives and supported them. At the other hand, younger emigrants left their family of origin behind, thus losing important social support in case of unemployment or illness. The article focuses on the measures female and male migrants took to stay or become healthy during and short after migration. Furthermore, it examines how the social networks of the emigrants became widened by marriages and how efficient they were in respect to health care and coping with illness.

     

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  • Andreas Weigl
    Arbeit, Lebenserwartung, Geschlecht: Wien 1900-1950

    Medical discourse in the 1920s in Germany and Austria produced a significant in­crease in papers and monographs dealing with the links between female health and women at work. This hype vanished in the Austrofascist and Nazi-Era, when, because of ideology, female work became a non-topic. After World War II, neither social gap nor gender gap were main topics of social medicine. During the economic crisis of the 1930s, World War II and the post-War period an equalization of living standards on a low level took place. Despite of this, a significant gender gap became a general phenomenon since the 1950s, rather ignored by the medical profession or attributed to biological factors. This paper shows how a shift to white collar jobs at the labor market and technological changes in industries could partly explain the widening gap between female and male life expectancy in the first half of the 20th century as far as Vienna is concerned. While before World War I female excess mortality at young age was quite common in some occupations like construction and the textile industry, this was not true any longer in the 1930s and 1950s. Whereas before World War I the mortality of unoccupied females in general had been lower than the mortality of employed females of this age group, in the 1950s this relation was inverted. Therefore the deteriorating influence of double burdens on respectable working class women’s health in the interwar period should be discussed. Concerning male morbidity and mortality advantages of safer working places and the rising share of white collar jobs for male employees, even well paid academics like physicians were beyond the over­all average, quite likely because their jobs were better paid but more stressfull. This trend continued till the 1980s. Since then the gender gap has de­creased slowly. But even today in Austria, Britain and other developed countries life expectancy of a male academic is not much above the life expectancy of a blue collar female employee.

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  • Susanne Hoffmann
    Machte Arbeit Männer krank? Erwerbsarbeit, Männlichkeit und Gesundheit im 20. Jahrhundert

    Based on a sample of 155 unpublished popular autobiographies from the Federal Republic Germany, Austria and Switzerland, the article addresses the interconnection of employment, masculinity, and health in the German-speaking world in the 20th century. The central question is whether or not it was, above all, work that made men sick. Methodologically, the study is designed as a discourse analysis of healthy lifestyles in everyday life focusing on both a subject and an action oriented perspective. Comparing the written autobiographies of men an women, it is argued that employ­ment served as an universal autobiographical orientation in 20th century life writing, while significant structural gender inequalities persisted on all labor markets. Looking closer at three for the time typical health risks on the job, that is work accidents, occupational diseases, and work related diseases, the author elaborates on the resultant inequities at the potential expense of male employee’s health. The article finally concludes that work-centered lifestyle turned out as the main occupational health risk for men in the 20th century. The workaholic lifestyle lost much of it’s practical shaping power as the younger men, born in 1920s and 1930s, were increasingly reflecting the in­herent conflict between work and health or family orientation.

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  • Christian-Michael Zottl
    Schwangerschaft, Geburt und Kinderpflege auf den frühmittelalterlichen britischen Inseln

    Traditionally, the topics of early medieval gynaecology and paediatrics can hardly be found without at least a subtle notion of misogyny. This may largely be due to the clerical background of most of these sources investigated so far. So it does not surprise that even those vitae, in which the respective saints have never (literarily) lived through their stages of childhood, children are presented as wild and uncontrollable. Parents seemed to have been confronted with the burden of constantly bridling their brats. This does not sound very caring and still several sources of early medieval Britain draw a fairly different picture of fathers and mothers (as well as the wider circle of relatives) who did invest a lot of time and emotionally graspable nursing care. Deformity and anatomic lacks were not necessarily met with abortion, infanticide or marginalisation. Rather were lengthy periods of care and healing taken into account, especially in the case of chronically ill or handicapped children. This must have meant a notable strain for those caring in addition to their already arduous everyday life. Unfolding these sources does not just bring to light several common practices of coping with pregnancy, illness and disease, but may also throuw new light upon a more scientific understanding of the value of infancy in early medieval societies.

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