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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
15. Jg., Heft 3, 2004

Ästhetik des Politischen

Herausgegeben von Anna Schober

Editoral

Jede politische Handlung ist zugleich eine ästhetische, zumindest seit jenem Zeitrahmen, den wir, wenn wir historische Ungleichzeitigkeiten und plurale parallele Entwicklungsschichten berücksichtigen, als ›Bruch hin zur Moderne‹ skizzieren können. Ob wir es nun mit Demonstrationen, Hausbesetzungen, öffentlichen Reden, Fernsehauftritten, Straßen-Performances, Versammlungen oder mit Filmen und Zeitungsreportagen zu tun haben – stets erscheinen politische Äußerungen in inszenierter Form. Zudem ist
Form selbst, etwa als Parodie, Montage und Verfremdung, in diversen historischen Milieus (wiederholt und emphatisch vor allem im 19. und 20. Jahrhundert) mit politischem Gehalt aufgeladen worden. Die Analyse diverser Erscheinungsformen einer solchen Ästhetik des Politischen steht im Zentrum dieses Themenheftes. Dabei gesellen sich vorrangig methodologisch ausgerichtete Untersuchungen zu solchen, die eher von breit angelegten historischen Recherche-Unternehmungen her argumentieren. Allen
Arbeiten gemeinsam ist jedoch, dass sie transdisziplinär verfahren und Methoden der Geschichtsschreibung mit solchen der Kunst, der Philosophie, der Politikwissenschaft, der Kunstgeschichte, der Kulturwissenschaft und der ästhetischen Theorie verknüpfen.

Die hier präsenten Aufsätze stellen sich so einer immer noch recht weit verbreiteten Sicht entgegen, die eine ›Ästhetisierung des Politischen‹ als ein vermeidbares Übel darstellt und von einer ›Politisierung der Kunst‹ abgrenzt. Nicht, ob das Politische in ästhetischer Form auftritt oder nicht, steht in ihnen zur Debatte, sondern in welchen Inszenierungsformen politische Äußerungen von welchen ganz spezifischen Akteuren und Akteurinnen in eine noch weiter zu skizzierende Auseinandersetzung entlassen werden, in der immer schon diverse, auch ästhetisch differente Positionen um Anerkennung ringen. Weiters wird gefragt, in welchem Verhältnis das solcherart inszenierte Politische zum Feld der Kunst steht. Der Zeitrahmen reicht in etwa vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, wobei der Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert liegt.

Die Themenstellung ›Ästhetik des Politischen‹ legt nahe, dass es einen Unterschied zwischen ›dem Politischen‹ und ›Politik‹ gibt – womit die zweite Prämisse angesprochen ist, die den hier versammelten Beiträgen zu Grunde liegt. Denn diese gehen mehr oder
weniger explizit davon aus, dass ›das Politische‹ weiter gefasst ist als ›Politik‹, und setzen sich mit der Beziehung zwischen den beiden auseinander. Folgende Basisdefinition für diese beiden Begriffe kann an dieser Stelle angegeben werden: ›Politisch‹ werden all jene Handlungen, Inszenierungen und Sichtweisen genannt, welche die grundsätzliche Offenheit unseres gegenseitigen Austausches nutzen, um strukturelle Prinzipen der Gesellschaft in Frage zu stellen und um Ordnungen für ein solches Sich-Austauschen vorzuschlagen. Der Begriff der ›Politik‹ bezeichnet demgegenüber einen separaten sozialen Komplex, der diese prekäre Logik des Politischen handhabt.(1) ›Das Politische‹ und ›Politik im engeren Sinn‹ stehen demnach in Beziehung zueinander, fallen aber nicht in eins. Die Aufsätze in diesem Band, die sich dem Kino, dem Internet, der Mode oder der Performance der Straße widmen, zeigen, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr kulturelle Erscheinungformen und -orte politisch besetzt und mit ›Politik im engeren Sinn‹ in neue Verhältnisse gesetzt worden sind. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von eher methodologisch ausgerichteten Texten, die das Verhältnis des Politischen zur Politik sowie die ästhetischen Auftrittsformen beider untersuchen.

Der politische Raum ist, um mit Hannah Arendt zu sprechen, ein »Erscheinungsraum «,(2) in dem unterschiedliche Stimmen und Perspektiven in Auseinandersetzung stehen. Die hier versammelten Aufsätze und Projektpräsentationen zeigen, dass dieses Konzept des Erscheinungsraums sehr wohl – auch wenn Arendt selbst dies nicht geleistet hat – mit Untersuchungen des Kinos und anderer Medienkanäle, von populärer Alltagskultur, von Protestbewegungen und Gegenwartskunst, verknüpft werden kann. Erscheinen meint also auch, filmisch erscheinen, bestimmte Kleiderstile kreieren, parodistisch argumentieren, demonstrieren, gewisse Orte ›queer-lesen‹, im Internet präsent sein etc. All die dabei involvierten Räume, visuellen Welten oder Hör-Stücke gehen ihr Publikum nicht immer in derselben Weise an: In diesem politischen Erscheinungsraum kommt es unter Umständen zu herausragenden, signifikanten Momenten der Wahrnehmung, über die wir uns heute in erster Linie zu Gemeinschaften verbinden (und von anderen Gemeinschaften absetzen). Damit möchte ich zum Schluss dieser Einleitung auf das in diesem Heft abgedruckte Interview mit Jean-Luc Nancy zum Thema Signifikante Ereignisse der Wahrnehmung und das Entstehen von Gemeinschaften und Geschichten hinweisen, in dem viele der in den einzelnen Beiträgen aufgeworfenen Fragen nochmals gegen den Strich gelesen und diskutiert werden. Darüber hinaus bleibt es aber jedem Leser und jeder Leserin selbst überlassen, einen roten Faden durch die in diesem Band versammelten Lesarten von Inszenierungen des Politischen zu legen.

Anna Schober (Wien)

Anmerkungen
(1) Dazu Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time, London u. New York 1990,
68 ff.
(2) Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München u. Zürich 1998 (11958), 71.

Abstracts

  • Gustavo Castagnola
    The Fashion of Politics. Argentina from the 1940s to the 2000s

    Deeply marked by Peronism’s emergence, all along the second half of the twentieth century, in Argentina external appearance functioned not merely as a powerful symbol of politics but also and, particularly, as the precise way in which politics and
    society related to each other. Since the descamisados (shirtless: name that designated General Perón’s supporters) and Eva Perón’s clothing in the 1940’s until the mini-skirts and beards in the 1970’s (which were used as clues by the last Argentine military dictatorship to identify political adversaries), ways of dressing up expressed the very character of Argentine politics and the nature of the relationship between political and social issues in this country. The purpose of this article is, on the one hand, to revisit Argentine history during the second half of the twentieth century by examining the main images that politics conferred to and received from society;
    and, on the other, to employ the conclusions that can be drawn from this revision to analyse Argentine present crisis in historical perspective.

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  • Anna Schober
    Bilderhuldigung, Parodie und Bilderzerstörung in Serbien in den 1990er Jahren

    This text offers a historical study of a milieu where, in a time of social crisis and of political upheaval, a re-emerging image worship and the renewed effort to use images and media for political purposes, provoked a range of aesthetic responses, which engaged with and against each other in a struggle for recognition. In this ›image- struggle‹ the aesthetic vocabulary of the avant-garde presents itself as a tradition that can be taken up and be used by different sides, throwing up completely unforeseeable, milieu-specific articulations and relations. It is shown how opposition groups operate with image-destruction, use parody, mockery, ritual demolition and image-mutilations against the newly emerging image-worship in Serbia in the 1990s, but also developed a certain aesthetic style and employed it against the detested presence of ›other‹ images in public space: a new ›aesthetics of poverty‹.

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  • Juan A. Suárez
    Objects, Speed, and the Film within the Film: Vachel Lindsay and Classical Cinema as an Alternative Public Sphere

    This essay reads Vachel Lindsay’s film theory as symptomatic of an oscillation, still present in the period of early classical cinema, between the ordering effect of the classical codes and the centrifugal potential of the film image. Lindsay located this potential in the dispersive effect of filmed objects and spaces. According to Lindsay, these could derail the unity of the narrative and might be actualized by audiences as alternative public spheres, that is, as sites for the articulation of dissident fantasies and desires. Hence, even though Lindsay was primarily invested in disciplining the film text and its viewers, and enlisting the cinema for the promotion of national and cultural unity, he lucidly outlined the structure of a dissident form of spectatorship that has recurred in both experimental cinema and subcultural forms of textual practice.

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  • Linda M.G. Zerilli
    Aesthetic Judgment and the Public Sphere in the Thought of Hannah Arendt

    This essay is on the conception of political space as a space of singular events, rhetorical speech and plurality. It shows that Arendt’s deep suspicion of a cognitively-based practice of political judgment is not based on a naïve concept of logical reasoning. Her point is not to exclude so-called rational discourse or knowledge claims from the practice of aesthetic or political judgment – as if something or someone could stop us from making arguments in public contexts – but to press us to think about what we are doing when we reduce the practice of politics or judgment to the contest of better arguments. She disputes not the idea of argument as such but rather the assumption (central to Habermas’ discourse ethics) that agreement in procedures for making arguments ought to produce agreement in conclusions, hence agreement in the political realm can be reached in the manner of giving proofs.

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  • Oliver Marchart
    Representing Power. Public Space, the Artist, and the Body of the Leader

    With the French Revolution a mutation occurred within what Claude Lefort calls the »symbolic dispositif« of society. The invention of democracy was accompanied by a re-structuring of the symbolic framework within which political action assumes meaning. In Habermas’ terms, a feudal »representational public sphere« was increasingly supplanted by deliberative and, with Arendt, agonal public spaces. This does not imply, however, that questions regarding representation and the aesthetics of political action simply disappeared. What occurred, among other things, was a symbolic re-evaluation of new political actors such as crowds, politicians and leaders. It is imperative to understand, according to Lefort, that within the democratic symbolic dispositif not only the crowd or the masses play a different role (as ›the people‹) but also the professional politician plays an entirely different role from the absolutist monarch, precisely where he is (re)presented as totalitarian leader. It is argued therefore that within the democratic dispositif the symbolic relation between
    the public, the crowd and the body of the leader has to be rethought with respect to the ›space of appearances‹ in which all political action takes place.

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  • Kari Palonen
    Parliamentarism: A Politics of Temporal and Rhetorical Distances

    Frank Ankersmit has revised our understanding of political representation in terms of an aesthetic distance between the represented and representatives. The advantage of the parliamentary politics lies also in a rhetorical and temporal distance between the practices of MPs and those of the citizen-voters. The parliamentary democracy is constituted temporally through its procedures and practices. The parliamentary time is rhetorical, based on speaking for and against, in utramque partem, and the parliamentary procedure consists of temporal units aiming at guaranteeing that opposed points of view can be heard. To speak in the presence of the adversaries in the parliament alludes to the omnipresence of alternatives in parliamentary politics. The citizens, occasional politicians (Weber), can liberate themselves in the ballot box from their everyday ›being‹ and vote as if they were MPs. So we could give a rhetorical redesciption to Rousseau’s dictum that Englishmen are free only on the election day.

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22.11.2017 Gisela Hormayr liest in Innsbruck (A) …weiterlesen

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