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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
3. Jg., Heft 3, 1992

Technikgeschichte

Herausgegeben von Reinhard Sieder

Editoral

Niemand wird leugnen, daß Technik für Menschen, ihre sozialen Beziehungen und die ,natürliche' Umwelt enorme Bedeutung hat und daher auch in den Geschichtswissenschaften ein vorrangiges Thema sein müßte. Doch dem ist nicht so. In Deutschland seit den 1960er Jahren einigermaßen etabliert, ist die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Technik in Österreich an keiner Universität verankert. Helmut Lackner und Günther Luxbacher skizzieren in ihrem wissenschaftsgeschichtlichen Beitrag die versprengten Vorläufer einer Technikgeschichte in Deutschland und Österreich. Den gegenwärtigen Zustand resumierend stellen sie fest, daß die Mehrzahl der Technikhistoriker immer noch von einem reduzierten Verständnis der Technik als "Sachsystem" ausgeht. Die Autoren schlagen dagegen vor, Technik als gesellschaftliches Phänomen zu begreifen, als einen integralen Bestandteil von Kulturen.

Was dies für die wissenschaftstheoretische Ausrichtung einer künftigen Technikgeschichte bedeutet, erörtert Maria Osietzki. Sie bestimmt den Stellenwert von Technik im Kontext der Moderne und mißt ihr epochenprägende Bedeutung zu. Das "technische Projekt der Moderne" habe sich spätestens seit der Industrialisierung tief in den Lebenswelten der Menschen verankert. Allerdings sei Technik als selbstverständlich gewordener Teil der Lebenswelten weithin außer- und unbewußt. Dies sei einer der Gründe, warum Technikgeschichte nicht mehr im Stil der positivistischen Geschichtswissenschaft geschrieben werden könne. Bei der Suche nach philosophischen und methodischen Anregungen in den rezenten Diskursen der Postmoderne stößt sie - was die Einschätzung von Technik betrifft - auf die durchaus klassisch-moderne Dichotomie von Technikskepsis und Technikeuphorie. Anderseits weise die methodische Haltung der Postmoderne den Weg: Technikhistorie habe ihre eigenen Voraussetzungen zu klären und sich selbst als Produkt der technischen Moderne zu begreifen, um sich auf diesem Weg der Dekonstruktion zu einer gesellschaftskritischen Wissenschaft zu verändern.

Gerhard Meißl Iegt eine Fallstudie zur Modernisierung der Wiener Metall- und Maschinenindustrie (1900-1914) vor. Es ist ein Stück Technikgeschichte in wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Erweiterung. Technische Innovation in der Fabrik wird hier nicht mehr "ingenieurwissenschaftlich" betrachtet, sondern im Kontext ihrer Markt- und Kapitalabhängigkeit einerseits und ihrer kompromißhaften Durchsetzung im Feld der sozialen Interessen anderseits. Technik erscheint so als umkämpft und höchst politisch und nicht mehr - wie in der traditionellen Historiographie - als eine Marginalie der Geschichte.

Ernst Haslacher und Michael Ponstingl gehen der kurzen Geschichte der Ergonomie, der technisch-wissenschaftlichen Gestaltung der Mensch-Maschine-Beziehungen, nach. Die moderne Fabrik, das Cockpit im Kampfflugzeug, das Armaturenbrett im Auto und die Vielzahl der mikroelektronisch gesteuerten Haushaltsgeräte sind die Hauptschauplätze der Ergonomie, an denen die ,Maschine' dem Menschen angepaßt werden soll und doch immer auch der Mensch sich an die Maschine gewöhnt. Historisch sei dabei eine Steigerung von der motorischen Interaktion zur sensorischen Kommunikation zu verzeichnen. Entwicklung und Anwendung der ergonomisch gestalteten Apparaturen erfolge jeweils zuerst in öffentlichen und halböffentlichen Bereichen des Militärs, der Industriebetriebe usw., ehe sie - als Videorecorder, PC, Stereoanlage usw. - in unser aller Privatsphäre diffundieren: Lebenswelt als Technosphäre.

Technik macht längst auch vor Eingriffen in ihren traditionellen Widerpart, den menschlichen Körper, nicht halt. Bernhard Gill skizziert den aktuellen Stand der biotechnischen und gentechnologischen Eingriffe in die "menschliche Natur" und die ethischen und rechtlichen Diskussionen, die sich daran entzünden. Der Frage der geistes-, sozial- und bio-wissenschaftlichen Konstruktion der Körper in der Moderne ist auch das Gespräch mit Barbara Duden gewidmet. Ausgehend vom Befund der differenten historischen Konstruktion des männlichen und des weiblichen Körpers durch die "Wissenschaften vom Menschen" fragt Duden nach den Wirkungen dieser Konstruktionen auf die "Leibgefühle" von Frauen, etwa bei Schwangerschaften. Der ,wissenschaftliche Beweis' einer "weiblichen Sonderanthropologie" habe seit dem 18. Jahrhundert die Beaufsichtigung des Frauenkörpers durch Justiz, Medizin und ,öffentliche Wohlfahrt' legitimiert. Barbara Duden sieht sich daher veranlaßt, als Historikerin in die aktuelle politische Debatte um Abtreibung, Gentechnologie etc. einzugreifen.

Reinhard Sieder

Abstracts

  • Helmut Lackner/ Günther Luxbacher
    Technikgeschichte in Deutschland und Österreich

    A modern history of technology must concern itself with the origins of technology, its use and social repercussions, as well as with the machines and products of industry. This discipline, though comparatively new, has its own history. In Germany and Austria, the most important historians of technology were for a long time engineers. Equally, it was engineers and technicians who received the greatest publicity after the foundations of the Vienna Technical Museum. Eventually, some historians also began to deal with the history of
    technology. The most important of the historians who integrated aspects of technical development in their work before World War II were Karl Lamprecht and Franz Schnabel. On this basis, the history of technology became an academic historical disciplin in Germany after 1960. In Austria, a comparable tradition has not so far emerged. But there are some indications that a new generation of historians will fill this gap, and establish the history of technology as a new historical discipline.

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  • Maria Osietzki
    Für eine neue Technikgeschichte

    The fact that the historiography of technology is biased is demonstrated along the postmodern thinking as well as some well-known approaches addressing the History of Technology. In the opinion of the author, History of Technology should ask for its own prerequisites and conditions, because it arose as a scientific project of modernism. Since the view of present historiography of technology is closely attached to the paradigm of the modern rationalistic ideal, it does not allow for a cultural interpretation of technology. To remove this deficiency it is proposed to use methods provided by the History of Mentalities and by semiotics. These approaches are to be reviewed in its suitability to include a materialistic foundation rooted in the material-natural dimension of technology.

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  • Gerhard Meißl
    "Bei aufsteigender Konjunktur werden wir die Scharte auswetzen!"

    Using the example of the Viennese metal- and machine-building industry, the paper analyses the modernization of production by means of mechanization and reorganization of work. This process was started by the management and stimulated a change in industrial relations between 1900 and 1914. The development began in the electrical industry by taking over the patterns of organisation from German trusts, by which the largest Viennese factories were controlled. It spread relatively fast into the other parts of the metal- and machine-building industry which produced under unfavourable conditions and growing international competition. The positive attitude of the socialdemocratic Metal Workers Union to modernize backward Austria socioeconomically by means of technical progress and industry was decisive for the course of the process. In exchange for taking part in the collective regulation of wages and work conditions the union therefore agreed to help decreasing the workers resistance against the growing pressure of work and the requirements of performance. But even in the new structures of production the position of the skilled organized workers remained strong enough to make the management join the politics of collective bargaining.

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  • Ernst Haslacher/ Michael Ponstingl
    The Coming of Ergonomics - Intimität der Maschinen

    The authors draft the short history of ergonomics, i.e. of the scientific-technical shaping of the points of contact between man and machine. From the point of view of history, an increase from a motor interaction towards a sensory communication can be seen. Development and application of ergonomically designed machines was carried out first in the public and semi-public sectors of the military forces, industrial companies etc., before they spread - in the shape of videos, personal computers and hifis - into our private sphere.

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