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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
2. Jg., Heft 2, 1991

Kultur suchen, wo sie gelebt wird

Herausgegeben von Gerhard Botz, Rudolf Burger u.a.

Editoral

Kultur suchen, wo sie gelebt wird

Als die erste Generation der Annales und einige deutschsprachige ,Kulturhistoriker' in den 1920er Jahren das ethnologische Konzept der Mentalität für die Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit übernahmen, bedeutete dies das Ende des historistischen Dogmas von der einen Menschheitsgeschichte. Allerdings: Willem Th. M. Frijhoff, Professor für Gesellschaftsgeschichte an der Universität Rotterdam, argumentiert in seinem Beitrag, daß die ,Mentalitätsgeschichte' heute wie damals über keinen abgrenzbaren Gegenstand verfüge. Sie sei ein "hybrides Konglomerat", zu dem alles gezählt werde, was mit dem Mentalen korrespondiert: Familie, Sexualität, Prostitution, Tod, Krankheit, Wahnsinn, Magie, Verbrechen, Fest, Ritual e tutti quanti. Eine Folge des wörtlich zu nehmenden Vergangenseins des Mentalen in vergangenen Zeiten. Es ist nur an materiellen Spuren zu re-konstruieren, und oft nicht einmal das.

Frijhoffs Vorwurf an die HistorikerInnen lautet, daß sie, wenn nicht einem manifesten, so doch einem schleichenden Kulturzentrismus unterliegen. Damit ist die Reifikation von Kultur verbunden. Doch Kultur existiert nicht außerhalb ihres Gelebt-werdens. Sie ist kein Zustand, sondern ein Prozeß, in dem Normen und Praktiken unentwegt aufeinander wirken: in dem Individuen und Gruppen handeln und Erfahrungen sammeln, worüber sie sich äußern und so aktiv teilhaben an ihrer Kultur. Das aber heißt: Kultur ist nur analytisch von anderen Aspekten der Praxis (vom Sozialen, Ökonomischen, Politischen usw.) zu unterscheiden. Sie muß gesucht werden, wo sie gelebt wird.

Wie aber steht es dann um den Begriff der Volkskultur? Eine Reifikation zur Potenz? Frijhoff meint, der Begriff sei obsolet. Die Idee einer relativ homogenen Basiskultur scheint ihm überholt. In der Dichotomie von herrschender Kultur und Volkskultur fehlt ihm die Dynamik, denn: "Kultur ist per Definition Zirkulation, Transfer, Veränderung". Wolfgang Kaschuba hingegen sieht gerade im Antipodischen von Volk und Herrschaft einen triftigen Grund, am Bezeichneten festzuhalten, wenn auch ihm die Bezeichnung problematisch erscheint.

Alltag ist nach Mentalität, Kultur und Volk die vierte Kategorie, die wir in diesem Heft zur Diskussion stellen. Alf Lüdtke erläutert im Interview, daß es Alltag als begrenztes und distinktes Feld des Realen nicht gibt. Wohl aber ist die Frage zu stellen, wie Menschen die Verhältnisse, die sie vorfinden, zu ihren eigenen machen - eine Fragestellung, die für Akzeptanz und Anpassung wie für die Veränderung der Verhältnisse gleichermaßen offen ist. Zudem verknüpft sie die Dimension der Erfahrung mit jener der Aktivität. Jan Peters skizziert die Hindernisse, die einer so fragenden Geschichtswissenschaft in der ehemaligen DDR in den Weg gelegt worden sind, und konstatiert ein dringendes Nachholbedürfnis an "Alltagshistorisierung", um den Mechanismen der Machterhaltung autoritärer Herrschaft und deren langjähriger Hinnahme durch die Bevölkerung in ihrer alltäglichen Wirkungsweise auf die Spur zu kommen.

In den weiteren Aufsätzen dieses Heftes wird kulturelle, tägliche Praxis und ihr mentaler Aspekt an verschiedenen historischen Gegenständen thematisiert. Sabine Kienitz rekonstruiert die Lebenswelt vagierender Frauen in Württemberg um 1800. Ausführliche Erzählungen vagierender Frauen vor Gericht geben Einblick in eine Lebensweise, die von Strategien der Überlebenssicherung durch Wandern, Betteln und Stehlen, durch Geldverleih und Gelegenheitsarbeit gekennzeichnet gewesen ist. Hier findet die Autorin ein vorindustrielles Rechts- und Unrechtsbewußtsein, das mit der bürgerlichen Rechtsstaatlichkeit in Konflikt geriet. Wolfgang Greif folgt der bürgerlich-adeligen Obrigkeit bei deren entsetztem Blick hinter die Kulissen des Biedermeier. Alkoholkonsum, Glücksspiel und Blauer Montag stehen dabei für die Reste einer ,plebejischen' Lebensweise, der die aufgeklärten Herrscher, Unternehmer und schließlich auch die bürgerlichen Funktionäre der Arbeiterbewegung in disziplinierender Absicht entgegentreten. Peter Mänz zeigt an den ersten Kinos in einem Berliner Arbeiterbezirk um 1910, wie dieses neue Medium zu einem Teil des täglichen Lebens geworden ist. Bierkonsum im Kino, der Erklärer als mediendidaktischer Vermittler oder listig-politischer Kommentator, und die Korrespondenz der ersten Filmsujets mit der Lebenswelt der städtischen Arbeiterschaft zeigen, daß dieses neue Medium nicht nur von ,oben' oktroyiert, sondern auch von den Bewohnern der Arbeiterquartiere angeeignet worden ist.
 

Reinhard Sieder
 

Abstracts

  • Willem Th. M. Frijhoff
    Kultur und Mentalität

    Research into the connection, the correlation and the process of development  of cultural and mental components of past societies offers an important contribution to a better understanding of the historical process. It shows that  nothing in history talks by itself. Even something apparently evident like culture is determined by a mental horizon which has to be analysed, if we intend to grasp the cultural process. On the other hand, mentality is only perceptible by the mediation of cultural categories, which, themselves, are again tied to a social, economic and political reality. Every analysis must be aware of such networks. Each reification of a singular of those dimensions can only lead to an illusion of knowledge. And often it seems to be the illusion of elites determining such reifications. The author lays particular emphasis on the discussion of ,popular culture', being more or less a product of the culture of elites. He postulates an open working modell of historical reality, being aware of historicity and dealing with the dimensions of society as components and parts of a whole, but never as independent fields.

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  • Sabine Kienitz
    Frauen zwischen Not und Normen

    Taking the case of a wandering woman who was executed in a small southwestern German town in 1817, the author analyses the way of life of nonsettled women. This woman was accused of having murdered another wandering woman engaged in money-lending. Her evidence at court provides an insight into the self-understanding and practice of living of wandering women in the 18th and 19th centuries. Contrary to received opinion, it turns out that their way of life was by no means totally separated from that one of the settled population. On the contrary, there existed a functioning exchange between the settled and non-settled parts of the population. As late as the first decades of the 19th century, this exchange was apparently governed by social and moral rules, by a ,moral economy' .

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  • Wolfgang Greif
    Wider die gefährlichen Classen

    This article analyses the specific modes of expression of plebeian ways of life and culture of the pauperized masses in pre-1848 Vienna. This analysis is based on criticism at the way of life of the poor expressed by philanthropie or repressive bourgeois groups. Taking excessive consumption of alcohol, addiction to games of hazard and the persistence of traditional rhythms of working as examples, the author reconstructs the logic of this plebeian culture shortly before its final transformation into a proletarian way of life, which was a consequence of the victory of the industrial-capitalist modes of production.

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  • Peter Mänz
    Frühes Kino im Arbeiterbezirk

    Before World War I cinemas were connected with popular culture in three ways: first, the traditional importance of the visual within the lower classes, second, the workers curiosity about technical innovations, third, the roots of cinema in traditional forms of popular entertainment like the fair ground. The author gives an outline of small popular cinemas in a working class district of Berlin (Neukölln) around 1910. At that time the topics of short films were taken from everyday life of the lower classes in order to attract these people. A "commentator" assisted the audience to understand the story, the film cuts and the discontinuities in the sequence of time; with the help of his comments the lower classes became familiar with the new medium. During and after World War I the short films were replaced by evening-Iong films, the cinemas became larger and the topics changed from daily life to ,social drama'; the film-star was born.

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