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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
12. Jg., Heft 2, 2001

Klima Geschichten

Herausgegeben von Erich Landsteiner

Editoral

Das Wetter ist in die Schlagzeilen geraten. Kaum ein Monat vergeht ohne Nachrichten über Witterungsereignisse mit tragischen Konsequenzen für die in den betroffenen Gegenden lebenden Menschen. Dürrekatastrophen und Überschwemmungen sind nicht mehr auf die sensiblen ökologischen Zonen der Erde beschränkt. In Nordfrankreich stehen ganze Landstriche monatelang unter Wasser, während in Mitteleuropa der Niederschlagsmangel die Getreideernten vernichtet. Stehen wir am Beginn einer Klimaänderung? Hat sie schon begonnen? Ist sie anthropogen verursacht oder der gesellschaftlichen und politischen Einflußnahme gänzlich entzogen? Der >Kampf um die Wahrheit< wird nicht nur auf den Seiten wissenschaftlicher Publikationsorgane, sondern vor allem auch im Rahmen von WeItklimakonferenzen und Intergovernmental Panels on Climatic Change ausgetragen. Er droht zu einem zentralen Thema der außenpolitischen Auseinandersetzung zwischen Regierungen und Staatengemeinschaften zu werden.

Da die Frage des Wandels zwangsläufig eine zeitliche Dimension in sich birgt und sich für die Identifikation möglicher anthropogener Ursachen des Klimawandels der Vergleich mit Klimaveränderungen in der Vergangenheit anbietet, nimmt auch das öffentliche Interesse an der Klimageschichte zu. Diese hat, nicht zuletzt aufgrund der mit dem öffentlichen Interesse einhergehenden Förderung, in den letzten Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht. Umfangreiche Datenbanken mit Informationen über vergangene Witterungsereignisse werden angelegt, mittlerweile stehen zahlreiche lange Datenreihen zu Temperaturverlauf und Niederschlagsgeschehen sowie Karten, die die Positionen von Hoch- und Tiefdruckgebieten in jahreszeitlicher Auflösung während des letzten halben Jahrtausends darstellen, zur Verfügung.

Klimahistoriker bewegen sich im Grenzbereich zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Diese Transdisziplinarität ist eine ihrer Stärken, sie wirft aber aufgrund der unterschiedlichen Paradigmen auch vielfältige Probleme auf. Will die Klimageschichte nicht bloß Datenzuträger der Klimatologie für die Periode vor dem Beginn instrumenteller Messungen sein, dann muss sie sich der Frage nach den sozialen Dimensionen von Klimaänderungen stellen. Die naturwissenschaftliche Orientierung birgt die Gefahr deterministischer Argumentationsweisen bei der Behandlung der komplexen Beziehungen zwischen Gesellschaft und natürlicher Umwelt in sich, daher scheuen viele Historiker und Anthropologen davor zurück, diesen Beziehungen vermehrte Aufmerksamkeit zu widmen. Das hat zu der paradoxen Situation geführt, dass, während der frühere klimageschichtliche Determinismus oft unhaltbare Schlussfolgerungen auf der Basis unzureichender empirischer Grundlagen zog, es heute an Forschungen mangelt, die die nunmehr wesentlich breitere Datenbasis für die Untersuchung möglicher gesellschaftlicher Konsequenzen von Klimawandel nützen würden.

Christian Pfister, gegenwärtig der wichtigste Vertreter der klimahistorischen Forschung im deutschsprachigen Raum, eröffnet diesen Band mit einem Beitrag zum state of the art. Er resümiert den Stand der Forschungsdiskussion, erläutert die Daten und Methoden, mit denen die Klimageschichte arbeitet, und stellt Ansätze und Ergebnisse der historischen Klimawirkungsforschung vor. Ein von Rudolf Brázdil angeführtes, interdisziplinäres Forscher/innenteam untersucht den Verlauf der Hungerkrise in den böhmischen Ländern in den Jahren 1770-1772, rekonstruiert deren meteorologische Ursachen und fragt nach den sozialen Folgen dieser Katastrophe. Erich Landsteiner wirft die Frage nach den notwendigen Bedingungen eines nicht-deterministischen Dialogs zwischen Historischer Klimatologie und Geschichtsschreibung auf und lotet dessen Möglichkeiten anhand einer Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer erhöhten Frequenz von Getreidemissernten im mitteleuropäischen Raum im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts aus.

Im Forum stellt Urs Dietrich die an der Universität Bern erstellte Datenbank EuroClimHist zur Speicherung von historischen Klimadaten vor.

Weiters enthält dieses Heft ein Gespräch mit Immanuel Wallerstein über die Entstehungszusammenhänge der Weltsystemanalyse und deren Potenzial, Aussagen über den gegenwärtigen Zustand und die nahe Zukunft der Weltwirtschaft zu machen, sowie Besprechungen mehrerer rezenter Weltgeschichten des 20. Jahrhunderts.

Erich Landsteiner, Wien
 

Abstracts

  • Christian Pfister
    Klimawandel in der Geschichte Europas. Zur Entwicklung und zum Potenzial der Historischen Klimatologie

    Historical Climatology draws from climatology and (environmental) history. It aims at reconstructing climate and natural disasters for the period preceding the creation of meteorological networks. Moreover it investigates the impact of climate extremes on societies and it points out to past debates on social representations of climate. Up to 1989 no coherent methodology was available. Since then cooperation emerged in the framework of EU research projects. As a result common approaches and standards were developed. The article discusses the evidence and explains how long time series of monthly and seasonal temperature and precipitation indices were obtained from the data. Validation has revealed that such series are good substitutes for instrumental measurements. Recently climatologists have included this data into statistical models to construct charts of monthly surface pressure, temperature and precipitation in Europe back to 1659. Less efforts were made to investigate the effects of climatic variations and extremes on societies. It is still not known how past societies perceived climatic extremes and natural disasters and how they adapted to them. Undoubtedly climate affected the use and availability of energy resources (food, fodder, fire-wood) and the outbreak of climate sensitive epidemics. Which climatic constellations mattered, needs to be assessed within the specific context. In any case the vulnerability of the society needs to be taken into account. The mental, legal and political setting affected the search for scapegoats in periods of crises. It is demonstrated that extended witch-hunts took place in the late sixteenth century because a part of society held the witches directly responsible for the high frequency of climatic anomalies during this period.

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  • Rudolf Brázdil/ Hubert Valášek/ Jürg Luterbacher/ Jarmila Macková
    Die Hungerjahre 1770-1772 in den böhmischen Ländern. Verlauf, meteorologische Ursachen und Auswirkungen.

    On the basis of visual daily observations and written narrative sources the course of weather in the Czech Lands in the period 1769-1772 is described with particular consideration of disastrous poor harvests in the years 1770-1771 as a result of prevailing outstanding rainy weather. Its synoptic-climatological causes are analysed according to the reconstructed sea level pressure field in the months of March - August. Poor harvests, together with other factors, caused high prices, hunger and diseases. Impacts of poor harvests on the dramatic increase in grain prices and population mortality are studied in the context of the rescue measures of the Vienna Imperial Court. Changes in the diet habits and the role of the hunger years as one of the impulses for the rise of the serf uprising in the year 1775 are referred to.

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  • Erich Landsteiner
    Trübselige Zeit? Auf der Suche nach den wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen des Klimawandels im späten 16. Jahrhundert.

    Given the manifold traps in the field, this article explores the necessary conditions for a renewed dialog between social history and the history of climatic change. It proposes to look at the last third of the sixteenth century as a period undergoing a climatic >mode shift< and analyses the social and economic impacts of the rapid change in climatic conditions. Focusing on the early 1570s, when Central Europe underwent a series of severe cereal crop failures, the effects of dearth on prices, mortality, the grain trade, social relations of production in agriculture, and the overall economy are discussed.

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