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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
9. Jg., Heft 1, 1998

Militär - Krieg - Gesellschaft - Staat

Herausgegeben von Laurence Cole

Editoral

Militär - Krieg - Gesellschaft - Staat
 
Schreibt sich die Militärgeschichte neu? Gibt es eine "neue Militärgeschichte"? Daß sich Sozial- und Kulturhistoriker/innen mit diesem Thema in jüngster Zeit immer reger beschäftigen, steht außer Frage. Wie auch die Beiträge dieses Heftes zeigen, profiliert sich unverkennbar das Interesse der historischen Sozial- und Kulturwissenschaften an Fragen und Problemen, die lange fast gänzlich ignoriert wurden und ansonsten (manchmal geringschätzig) als ,nur für Militärhistoriker von Interesse' abgetan wurden. Die Ursachen dieser Forschungskonjunktur sind vielfältig. Auch wenn die Tragödie der regionalen Kriege im ehemaligen Jugoslawien und in der ehemaligen Sowjetunion die Aktualität des Themas unterstreicht und damit der Forschung starke Impulse gibt, muß anerkannt werden, daß sich Historiker/innen schon länger für militärgeschichtliche Fragen interessieren, wenn die Forschungsinteressen im einzelnen auch sehr heterogen sind.

Zumindest vier Forschungsrichtungen sind zu identifizieren, in denen Fragen nach den Beziehungen zwischen Militär, Krieg, Staat und Gesellschaft allmählich an Bedeutung gewinnen.

Betrachten wir zunächst die Sozialgeschichte in ihrem Mainstream: Traditionell interessierte sie sich eher selten für Fragen des Militärs, sei es wegen der Vorrangigkeit anderer Themen, sei es aus ideologischer Verweigerung oder aus mangelnder Einsicht in die Relevanz militärischer Gruppen und Praktiken. Manchen schien es und ist es noch heute verdächtig, Militärisches zu behandeln; und sieht man sich die konventionelle, oft nostalgisch an Heldenleben und Schlachtverläufen orientierte Militärgeschichtsschreibung an, scheint diese Skepsis verständlich. Die Zurückhaltung der Sozialgeschichte wurde auch durch den Umstand bedingt, daß sie erst relativ spät mit der Untersuchung von gesellschaftlichen Eliten - und das heißt auch, von herrschenden, allzu oft kriegstreibenden Gruppen - begann. Durch ihre Hinwendung zu sozialen Eliten wurde die Sozialgeschichte mit gesellschaftlichen Gruppen und Phänomenen konfrontiert, die die Frage nach der Dimension des Militärischen unumgänglich werden ließ. Gewiß untersuchten etwa Wirtschaftshistoriker/innen die ökonomischen Auswirkungen von Rüstungspolitik, selten aber wurde das Militär selbst zum Thema. Forschungen über die Formierung und Konsolidierung kämpfender Gruppen und militärischer Verbände, über deren Wertsysterne, Rituale und soziale Praktiken rückten die Frage nach der Beziehung zwischen Militär, Staat und Gesellschaft ins Zentrum, ob dies nun im Kontext der Sozialisation männlicher Adliger, der Ritterehre, der Offiziersehre und des Duells oder des Militärs als Gesellschaft in der Gesellschaft geschah.

Impulse für militärgeschichtliche Fragen gingen auch von Forschungen zu Staatsbildung und Nationalismus aus. Für die Entstehung des modernen Staates waren die Beziehungen zwischen dem militärischen Bereich und der zivilen Gesellschaft fundamental. Die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols, die Einrichtung von bürokratischen und fiskalischen Apparaten (um die Ausstattung immer größerer Armeen zu ermöglichen) und von technikorientierten Bildungssystemen, die Entwicklung der Statistik, der Kartographie oder des Eisenbahnnetzes - um nur einige Aspekte zu nennen - wurden alle direkt oder indirekt durch das Militär beeinflußt. Auch die Nationalismusforschung nähert sich dem Thema Militär, etwa in bezug auf die Förderung nationalen Bewußtseins durch den Militärdienst, nationale Feiern und Gedenktage, die mit militärischen Paraden und Ausstellungen begangen wurden, oder in bezug auf die Verknüpfung von nationalem Erinnern und Vergessen mit militärischen Siegen und Niederlagen.

Für die Untersuchung des Nationalsozialismus sind militärhistorische Fragestellungen zentral, geht es hier doch um die Formierung einer höchst militarisierten Gesellschaft und die Ausbildung eines Staats- und Herrschaftssystems, das militärische Ziele und Eliten vielfältig privilegierte. Besondere Bedeutung hatten und haben hier die Kontroversen über die Teilnahme des Militärs, aber auch paramilitärischer Gruppen an den Genoziden des NS-Regimes und schließlich die grundsätzliche Frage, inwieweit eine moderne Gesellschaft auf militärische Ziele hin organisiert werden kann, und welche sozialen Prozesse und Praktiken dies ermöglichen.

Im Forschungsfeld der gender history erhalten soldatisches Leben und Militärdienst neue Bedeutung. Das Interesse an der Ausbildung geschlechtlicher Identitäten führt auch zur Frage, wie bestimmend militärische Usancen und kriegerisches Handeln für Konzepte der ,Männlichkeit' waren und sind. Die Verbindung von militärgeschichtlichen Fragen mit gender history hat aber auch zu einem interessanten Wandel in wissenschaftssoziologischer Hinsicht geführt. Die ältere, traditionelle Militärgeschichte war - dies ist ganz offensichtlich - nahezu ausschließlich eine Domäne männlicher Historiker, die zudem häufig selbst Inhaber militärischer Ränge waren. Mit anderen Worten: Die traditionelle Militärgeschichte war zu einem guten Teil die Eigen-Geschichte des Militärs. Daß sich nun zunehmend Historikerinnen und Historiker im Kontext einer neuen Militärgeschichte mit gender-Fragen beschäftigen, gibt dem Forschungsfeld ein neues Profil.

Bedeutet dies, alles zusammen, eine "neue Militärgeschichte" im Sinne eines wohldefinierten, abgeschlossenen Forschungsprogramms oder einer Subdisziplin der Geschichtswissenschaften? Noch nicht. Wir haben es gegenwärtig eher mit der durchaus erfolgreichen Erforschung verschiedener Aspekte der Geschichte der geschlechtlichen Identitäten, der Nation, des Nationalsozialismus usw. zu tun, die durch die Fokussierung des Militärs eine Agentur sekundärer politischer und geschlechtsspezifischer Sozialisation sowie eine machtvolle staatliche und gesellschaftliche Institution in den Blick nehmen. Dadurch wird die Frage zentral, in welchem Zusammenhang das Militär zu anderen Bereichen der Gesellschaft steht und wie dieser Zusammenhang gesellschaftliche Prozesse beeinflußt. Die Frage ist, ob die Militärgeschichte selbst neu geschrieben werden kann, oder ob das Forschungsfeld eher durch neue Fragestellungen in mehreren Disziplinen der Geschichtswissenschaften - sozusagen arbeitsteilig - entstehen wird. So zeigt beispielsweise John Keegans Versuch, die "Kultur des Krieges" in die Militärgeschichte einzubeziehen, wie sozialanthropologische und kulturgeschichtliche Impulse aufgenommen werden können.

Dazu will auch dieses Heft beizutragen, indem es einige Aspekte der erwähnten Diskussionen aufgreift. Der Artikel Jakob Vogels über "Militärfolklore" in Deutschland und Frankreich zwischen 1870 und 1914 ist zugleich ein Beitrag zur vergleichenden Nationalismusforschung, während Joanna Bourkes Arbeit zu Männlichkeit und Militär in Großbritannien Fragen der gender history und der Geschichte des Körpers thematisiert. Peter Melichar unternimmt eine sozial- und kulturgeschichtliche Untersuchung der Offiziere des Ersten Weltkriegs in der ersten österreichischen Republik. Der Politologe Uri Ben-Eliezer schließlich beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Militär und Militärpolitik auf die Geschichte des israelischen Staates und die israelische Gesellschaft. Christa Hämmerle, Erich Landsteiner, Harald Tersch und Andreas Weigl berichten über Tagungen, die einen Überblick über den Forschungszustand vermitteln. Das Gespräch zwischen Richard J. Evans, Eric Hobsbawm und Albert Müller befaßt sich mit allgemeineren, keineswegs nur methodologischen Problemen der Geschichtswissenschaften. Es zeigt, welche Bandbreite an Diagnosemöglichkeiten und -ergebnissen in der Debatte um die Geschichte derzeit möglich ist.

Inwieweit und in welche Richtungen sich die in diesem Heft präsentierten Forschungslinien weiterentwickeln werden, läßt sich nicht prognostizieren. Es muß offen bleiben, ob eine im Wortsinn "neue" Militärgeschichte entstehen wird - eine Militärgeschichte, die sich nicht nur die Sozial- und Kulturgeschichte der Kriegerdenkmäler, sondern auch der Kriegsidee angelegen sein läßt, eine Militärgeschichte, die sich nicht nur mit der Sozialgeschichte militärischer Eliten befaßt, sondern auch die Kriegspraktiken jener Eliten im breiteren sozialen Kontext verankert und geschlechtergeschichtlich differenziert analysiert. Der Erweiterung des neuen militärgeschichtlichen Ansatzes scheinen kaum Grenzen gesetzt.

Zuletzt sollen noch zwei Fragen aufgeworfen werden, die wahrscheinlich zunehmend von Interesse sein werden: Die erste geht dahin, wie sich militarisierte Gesellschaften demilitarisieren, ob sich der historische Prozeß einer Militarisierung umkehren läßt. Werden militärische Muster, Metaphern, Erzählungen von Sieg und Niederlage beispielsweise in modernen Gesellschaften von der nationalen Ebene in den Sport transferiert, wie Schriftstellerinnen und Schriftsteller von George Orwell bis Elfriede Jelinek nahelegen? Die zweite Frage hat - und hier greife ich eine Bemerkung Eric Hobsbawms in diesem Heft auf - mit dem Problem zu tun, wie Historiker/innen auf eine neue Tendenz des Ultra-Darwinismus, der, wie Hobsbawm meint, nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Sozialwissenschaften zunehmend beeinflußt, zu reagieren hätten. Gerade dort, wo es um angeblich ererbtes, um schon "in den Genen fixiertes" Verhalten geht, scheint es, daß eine neue Militärgeschichte in der Analyse von Praktiken wie der primär männlichen Ausübung von Gewalt einiges beizutragen hätte.

Laurence Cole, London und Wien

Abstracts

  • Jakob Vogel
    "En revenant de la revue" - Militärfolklore und Folkloremilitarismus in Deutschland und Frankreich 1871-1914

    In this article, the author describes the development and expansion of a spontaneous and essentially unpolitical, popular ,military folklore' in Germany and France following the war of 1870-71. Two typical instances of this phenomenon are used to illustrate the argument: military festivals, and the activities of civil associations which enjoyed close links with the military. Despite the generally favourable attitude of state officials towards the social and cultural forms taken by the popular appropriation of military symbols and practices, the respective social elites in Germany and France displayed a deeprooted hostility to the phenomenon. The folkloristic character of this popular militarism, particularly its concentration on naive and colourful representations of a peacetime army, was a decisive factor in the dissemination of a widespread military consciousness, precisely because of its capacity for repressing the brutal reality of warfare.

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  • Joanna Bourke
    Männlichkeit, Krieg und Militarismus in Großbritannien 1914-1939

    Fears of physical devastation were shared by millions of men during the First World War. Some men attempted to avoid the risks of combat by ,shirking' or malingering: others accepted to play their allotted role and, in consequence, tens of thousands were severely mutilated. This article examines masculinity as experienced by these two groups of men during the First World War. Their anxieties did not vanish with the armistice, either: in the twenty-five years leading to the Second World War, the physical and psychological scars left by the conflict of 1914-1918 were a continual ache for combatants and their families. Similarly, the crisis of masculinity inspired by the massive mobilisation of military resources did not end with the war: the knowledges and disciplines forged in the context of war were applied to civilians in the interwar period. Military interference in British society and the economy disturbed the aesthetics of the male body, fundamentally affecting not only the shape and texture of the male body but also the values ascribed to the body and the disciplines applied to masculinity.

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  • Peter Melichar
    Die Kämpfe merkwürdig Untoter. K.u.k. Offiziere in der Ersten Republik

    The defeat and collapse of Austria-Hungary in 1918 was an enormous shock for former members of the Habsburg army's officer corps. They generally felt uprooted and humiliated by this experience, while their perception of a loss of honour encouraged widespread revanchist feelings. However, thanks to the help of numerous organisations, such as ex-servicemen's associations, interest groups, political groupings and public organisations, former officers were able to establish an informal network, which served both as a kind of employment agency and also as a political vehicle in their struggle for rehabilitation. The majority was eventually able to embark on new, alternative careers, once early difficulties had been overcome, and numerous judicial records show that their main concern was an improvement in their material situation. At the same time, great efforts were made to achieve honour and recognition, particularly in the form of military and civil awards or titles, even though the officers' concept of honour generally declined in importance. Ex-officers' greatest success was undoubtedly in their struggle over historical memory and in the political sphere. Through their dominance of the state war archive and their activities as historians and journalists, they were able to reinterpret and heroicise their own role in the 1914-18 war. Despite the fact that the restorationist desires of loyalist officers were never fulfilled, the antiparliamentarian, authoritarian strategy of the ex-officer dominated Heimwehr militia proved highly successful, leading not only to the destruction of democracy, but also the militarisation of society.

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  • Uri Ben-Eliezer
    Kultureller Militarismus, militaristische Politik und potentieller Prätorianismus während der ersten fünfzig Jahre Israels

    The article endeavours to account for the intriguing socio-political phenomenon, illustrated by the case of Israel, that military coups (or praetorianism) are thwarted not because of the resilience of democratic institutions and the absence of war, but because the society is culturally militaristic and is in a protracted state of war. This argument, which hypothesizes an inverse relationship between militarism and praetorianism, is based on an examination of the Israeli state from its foundation up until the present day. During that period, the depiction of the Israeli nation-in-arms has been embodied by non-praetorian militarism.

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