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Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
12. Jg., Heft 1, 2001

Urban Cultures

Herausgegeben von Roman Horak und Siegfried Mattl

Editoral

Urban Cultures

In seinem viel beachteten Buch über Popular Culture. The Metropolitan Experience kommt Iain Chambers auf die fundamentale Spaltung des modernen Stadtlebens zu sprechen; die Spaltung in eine offizielle Kultur einerseits, mit ihren Schulen, Denkmälern, Theatern usw., und eine professionalisierte Unterhaltungskultur andererseits, die sich in Tanz-, Sport- und Wetthallen, in Kinos und anderen Vergnügungsstätten etabliert. Letztere, verknüpft mit den Medien der Trivialliteratur (Detektivgeschichten, Comix, Boulevardpresse), macht für Chambers die genuine urbane Kultur aus, und dies in doppelter Hinsicht: Sie ist das originäre Produkt der anonymen städtischen Massengesellschaft und ihrer Dynamik - die high-brow-culture lässt sich auch von ländlichen patrizischen Gemeinschaften pflegen; sie ist aber, zweitens, auch ein System, das sich gegen die folkloristischen (ethnizistischen, vokationellen etc.) Tradition und deren Moralen ausdifferenziert hat. Die Welt der Spielhallen und Vaudevilles, der Nickelodeons, Hunderennen, Boxkämpfe, Departmentstores und Revuen ist im Gegensatz zu den exklusiven Gemeinschaften der (bürgerlichen) Museumsgründer ebenso wie zu den Lebenswelten der sozialen Milieus von einer universalen Sprache durchzogen, die komplexe Verkettungen sozialen Sinnes und habituelle Verbindlichkeiten durch Attraktionen und Sinnfragmente ersetzt. Über die Kongenialität und Komplizenschaft der >anekdotischen< Großstadtkultur mit dem Chaos der massenhaften, spontanen und unkoordinierten Aktivitäten der Städter selbst haben Georg Simmel und nach ihm Walter Benjamin das Entscheidende gesagt: Die populare urbane Kultur ist nicht nur Darstellung von Anderem, von Hoffnungen, Sehnsüchten, Idealen, sondern sie ist zugleich wahrnehmungstechnische Einübung in Tempo, Instabilität und Oberflächlichkeit des Großstadtlebens.
 

Was so oder ähnlich von der Großstadt und ihrer Kultur zwischen 1870 und 1930 gesagt werden kann, verliert sich mit der Funktionszonenbildung, der Suburbanisierung und der Absorbierung von Öffentlichkeit in Individualverkehr und Telekommunikation, der Quintessenz moderner Stadtplanung. Spätestens Mitte der 1960er Jahre erkannte man eine Krise der Stadt, die vor allem eine Identitätskrise der Städter war und ist. (An ihrem vorläufigen Ende, im Jahr 2000, lebten bereits 48 Millionen Amerikaner freiwillig in der hochregulierten, anti-urbanen Welt der gated communities.) Die nachfolgenden Gegenstrategien liefen auf eine Re-Dramatisierung der "City" durch eine "Spektakelkultur" (Shopping Malls, Arkaden, Mega-Sportevenrs und Festivals) hinaus. Die Kritik daran, die (einschränkend gesagt: für amerikanischen Städte) paradigmatisch von Michael Sorkin formuliert worden ist, verurteilt, dass die Großstadt nun nicht mehr den kontextuellen Rahmen für die Ausdifferenzierung von Kulturen bildet, sondern selber als kulturelle Ware produziert wird. Während die gelebte städtische Öffentlichkeit verfällt, gestaltet ein kulturelles Unternehmertum gemeinsam mit der Politik Stadtteile und Regionen in simulierte urbane Landschaften um. Aller kommunikativer Stoff wird den Regeln und Verwertungsvorschriften von Kapitalinvestitionen unterworfen.
 

Es gibt allerdings auch eine alternative Kritik. Arkaden, Shopping Malls und Unterhaltungszentren können auch unter einem spezifisch räumlichen Konzept sozialer Wirklichkeit analysiert werden. In einer Welt suburbaner Isotope, meint etwa Sharon Zukor in The Cultures of City, werden die aktuellen Schauplätze der consumer society zwangsweise zu den einzigen verbleibenden Orten, an denen unterschiedliche Gruppen und Milieus ihre spezifischen Identitäten produzieren und manifestieren können. Im Rückblick - und der größere Teil der in diesem Heft präsentierten Aufsätze (1) bezieht sich auf die »klassische« Zeit des urbanen Entertainments - wird unter Berücksichtigung der Diskurse insbesondere der Cultural Studies die Beachtung des Ortes und der an ihm herrschenden Regeln von wachsender Bedeutung. Schließlich geht es bei Einrichtungen wie dem Zoo (Eric Ames), dem Department-Store (Matthias Erdbeer), dem Bild im öffentlichen Raum (Sara F. Hall), den Ausstellungen (Werner Schwarz) und dem Kino (Anna Schober) -beziehungsweise beim tatsächlich Verbund dieser Medien - um die Ablösung des» botanisierenden« Flaneurs, den Walter Benjamin als urbanen Prototyp zur Zeit Baudelaires charakterisiert hat, durch das involvierte moderne Publikum. Die (klassische) urbane Kultur hatte deshalb trotz oder wegen ihrer kommerziellen Natur ein demokratisches Potenzial, weil sie auf egalitäre Partizipation abstellen musste, um sich gegen städtische Folklore wie gegen Hochkultur durchzusetzen. Das Vergnügen im Zoo und im Luna-Park war immer auch eines, das sich die Menge selber bereitet hat; die Unternehmer waren erfolgreich, weil sie den vielfältigsten Formen von Teilhabe und Beobachtung ausreichend Spielraum gelassen haben. An der Verengung der Zugangs- und Partizipations-Regeln und dem Übermaß an Kontrolle, das sie den zeitgenössischen Vergnügungsinstitutionen auferlegen, drohen sich die Strategen der Arkaden und Malls selbst zu paralysieren.
 

Roman Horak und Siegfried Mattl / Wien

Anmerkungen

(1) Die Beiträge sind hervorgegangen aus einem gemeinsamen Panel auf der 3rd International Crossroads
in Cultural Studies Conference, Birmingham, Juni 2000 (» The City: Visual Attractions and Liminal Space«)

Abstracts

  • Eric Ames
    Animal Attractions: Cinema, Exoticism, and German Modernity

    The paper analyzes the rich interconnections between the open zoos and early cinema. Between 1907 and 1913, these institutions engaged in a lively reciprocal exchange, supplying each other with attractions that mutually informed and expanded their different exhibition programs. At the same time, they commonly invoked cultural fantasies of exotic adventure, and transformed these fantasies into vicarious thrills. The entertainments of Carl Hagenbeck, Germany's most famous zookeeper, are a case in point. At his zoo in Hamburg, he >modernized< popular exhibitions of the exotic and the primitive animals and foreign >peoples<, he also experimented with technological media (including cinema) and collaborated with early filmmakers.

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  • Werner Schwarz
    Konsum des Anderen. Schaustellungen »exotischer« Menschen in Wien

    Between 1870 and 1910 numerous groups of so called >exotic people< were presented to an interested Viennese public. In the very beginning these >exhibitions< were organized in the context of popular pleasure and therefore presented at fairgrounds such as Vienna's >Volksprater< or in vaudevilles and only later moved to locations which would also attract an educated bourgeois audience. Organizers like Carl Hagenbeck claimed that their shows had scientific credibility and marketed them as anthropological and ethnological events. At a first glance the public was offered the basic aspects of the European view of ethnicity (dancing, processions, music and cooking) whereas it was the >exotic< villages which proved particularly attractive to the spectators where they could observe the daily life of the >exotic< inhabitants. The author argues that the discussions concerning >exotit people< were in fact discussions about the strange and the familiar within the visitors' own society. Discourses about the >wild< and the >exotic< were connected with anti-semitism, the conflicts between liberals and conservatives and other discourses concerning sexuality, gender and race.

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  • Sara F. Hall
    Caught in the Act: Visualizing a Crime-Free Capital

    A survey of Weimar cinema calls to mind several films that demonstrate a concern with weakened leadership and severed communal ties through the representation of public efforts to apprehend the deviant individual in the shadows of the city. This essay looks behind the scenes at the conditions under which the creators of these films crafted their tales of urban crime and detection, addressing a significant interplay between aesthetic production and actual criminal justice initiatives. Alongside and along with police education and legitimation projects, Weimar visual cultures criminal and legal narratives took part in a larger exploration of the status of the modern urban subject as participant in and product of culture and the law.

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  • Robert Matthias Erdbeer
    Diskurskulturgeschichte. Zu Roben Müllers »Irmelin Rose«.

    On the eve of World War I the Austrian essayist Robert Müller produced a subtle fictional description of the change of literary paradigms from fin-de-siecle to early expressionist prose. In his short story »Irmelin Rose« this change is symbolized in the protagonist's journey from her private, isolated garden in the country to the big city, bringing about a double textual >revolution<: in motiv as well as in style. Thus, the text appears as centre of the century's most prominent discourses, as poetic point of intersection, where the different discourses (advertising, female flanerie, new media, aestheticism, violence, and city traffic) meet and interfere, creating a specific cultural concept that may be described as >Culture of Attractions<. In Müller's story the shopping window serves as it's poetic and discoursive metaphor. The paper investigates into the dose relations between the professional contemporary >shopping-window-discourse< (as presented, e.g., in the business journals) and it's fictional representation and poetological transgression in »Irmelin Rose«.

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  • Anna Schober
    Kino Passion. Soziale Räume und politische Bewegungen in Wien seit 1945

    In this contribution the author argues that perception is not something a-historical, given for eternity, but that there is also - with respect to the shaping of our attention - a tension between historic change concerning the structures of perception and that which remains always beyond our attempts to symbolize, that is to negotiate the impossibilities of modern life. This means that in modernity we have a transformation of the ways of perception towards something which the author calls an >eventful seeing<, which also involves phantasmapoetic processes of fetish-becoming. The article examines ways in which modern and postmodern cities need the cinema as a kind of >private public space<, that is a space dedicated exclusively to the reflection upon oneself, life, impossibilities etc., and how a transformation in the shaping of that >private public space< as a space of the political has taken place in the last decades.

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